Berlin, Facebook und Sozialpsychiatrische Arbeit

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Neubeschreibung

Facebook stinkt nicht. Vielleicht wäre das eine Ironisierungsidee: Bei jeder 10. Freundschaftsbestätigung stinkt dein PC wie ein Berliner Obdachlosenschlafplatz.

Facebook oszilliert entscheidend zwischen den Polen Globalität und Dorfleben: Während dem Benutzer moderne Globalität vorgespielt wird, lebt er ein durch Meinungen begrenztes Dorfleben. Der aktuelle Erfolg von Verschwörungstheorien verdankt sich dieser Oszillation. Die Illusion ist die Triebfeder, die Desillusion ihre Schattenseite. Während du als Benutzer glaubst, dich in einem modernen, freien, weltumspannenden System zu bewegen, bist du gefangen in einem undurchschaubar algorithmisch gesteuerten Meinungsblase, die einem Dorfleben gleich. Ein klassisches Dorfleben ist gekennzeichnet durch geringe soziale Vielfalt und eine begrenzte Menge an Informationen. Diese Art Leben digitalisiert Facebook, indem es sich unsere Klicks merkt, uns entsprechendes anbietet und so unsere Vorlieben verstärkt und wir bewegen uns auf immer engeren Meinungspfaden bewegen, die sich von anderen Meinungsdörfern entkoppeln. Stilistisch hierfür sind die TV-Sender Vox und NBC in den USA: Die Zuschauer der jeweiligen Sender leben in komplett unterschiedlichen Welten. (Dies wurde nach den letzten US-Wahlen kolportiert, als es um das geteilte Amerika ging.)

Neubeschreibung kennzeichnet sich durch Ernst und Ironie. Das Wort Ironie gilt es besonders groß zu schreiben, um den Mangel an Ironie im bisherigen Meinungspfadtext zu überstrahlen. Warum ist Neubeschreibung ironisch? Weil es von kaum jemanden gelesen wird. Die Banalität von Neubeschreibung zeigt sich in ihrer mangelnden Popularität. Ein Joker, den ich hoffentlich noch lange aus der Tasche ziehen kann.

Der Kraft der Story #2

Storytelling ist das Bedürfnis des Menschen zwischen zwei unabhängigen Ereignissen einen Zusammenhang herzustellen. Folgendes Experiment belegt dieses menschliche Bedürfnis:

Probanden erhalten von einem Versuchsleiter Zahlenpaare und sollen angeben, ob die Zahlen zusammen passen oder nicht.

12 und 48 sind die beiden ersten Zahlen. Versuche es selbst: Passen die Zahlen zusammen?

Eventuell stellst du folgende Überlegungen an: Die Zahlen sind gerade; sie sind teilbar durch 12; bei Addition erhält man 60.

Aufgrund dieser Überlegungen wirst du vermutlich antworten, dass dieses Zahlenpaar zusammen passt. Dies antworten die meisten Versuchsteilnehmer.

Der Versuchsleiter antwortet allerdings „Nein.“ Das Zahlenpaar gehört nicht zusammen und legt das nächste vor:

83 und 17.

Eventuell stellst du folgende Überlegungen an: Beide Zahlen sind ungerade; addiert ergeben die Zahlen 100; es sind sind Primzahlen.

Aufgrund dieser Überlegungen antworten die meisten Probanden wieder mit „Ja“, doch der Versuchsleiter verneint wieder.

Nun geht das Spiel weiter. Der Versuchsteilnehmer erhält eine Reihe von Zahlenpaaren und gibt deren Passung an, die der Versuchsleiter entweder bejaht oder verneint.

Im Laufe des Experiments entwickelt der Teilnehmer unweigerlich eine Theorie über den Zusammenhang zwischen den Zahlen. Selbst wenn der Versuchsleiter am Ende erklärt, dass zwischen den Zahlen niemals ein Zusammenhang bestand und er unabhänig von dem Teilnehmer entsprechend des ansteigenden Astes einer Gaußchen Normalverteilung geantwortet hat, wird er auf seine Theorie bestehen.

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Der Versuchsleiter hat also entsprechend der Normalverteilung zunächst die Aussagen des Probanden zunächst nie bestätigt und dann immer häufiger.

Dennoch kann es sein, dass der Proband den Versuchsleiter von seiner Theorie überzeugen will. Dies wird um so heftiger der Fall sein, wenn das Verhältnis von „Ja“ zu „Nein“ insgesamt 50:50 ist. Schwächer wird die Vehemenz des Teilnehmers, wenn das Verhältnis insgesamt 75(Ja):25(Nein) ist. Das heißt, die Heftigkeit mit der Menschen an Theorien glauben, steigt, je seltener sie bestätigt wird. Allerdings nicht zu selten: Bei einem Verhältnis von 25(Ja):75(Nein) gibt der Proband auf und gesteht, dass er keinen Sinn finden kann.

Storytelling ist das Bedürfnis des Menschen zwischen zwei unabhängigen Ereignissen einen Zusammenhang herzustellen. Für Theorien gilt das gleiche. Theorien sind Stories, die einen faktischeren Bezug suggerien.

Quelle Paul Watzlawick

 

 

 

Wir Zusammen? Warum Integration so nicht funktioniert.

Ein Beispiel für naives Storytelling geistert gerade durch deutsche Medien: Die Werbespots von „Wir zusammen – Helfen auch Sie Flüchtlinge zu integrieren“. Ich will nicht immer nur meckern. Natürlich hilft es Flüchtlingen, wenn sie in Deutschland schnell eine Arbeit finden.

Doch auf den 2. Blick offenbart sich Kurzsichtigkeit und der plumpe Deckmantel einer Imagekampagne.

„Wir zusammen“ zementiert in seiner Darstellung einen hierarchisch geprägten Unterschied zwischen Migranten und Einheimischen. Es erinnert passend zur Jahreszeit an St. Martin: Der großzügige Deutsche teilt mit dem armen Bettelflüchtling seinen Mantel.

Die Erkenntnis ist nicht neu, dass die Kinder und Kindeskinder von Migranten sich in Deutschland als Ausländer fühlen (wie du zum Beispiel hier nachlesen kannst). Der Werbespot zeigt warum das so ist: Die Darstellung unterscheidet nicht, wie lange jemand in Deutschland lebt. Aber sie unterscheidet zwischen heller und dunkler Hautfarbe und Wissendem und Unwissendem.

Ich erinnere mich an Chrisoph Schlingensief, der in Afrika ein Opernhaus baute und versuchte das Weltbild von Afrika und Europa auf den Kopf zu stellen.

Oder ich erinnere mich an Paul Collier, der Afrika aus der Opferrolle befreien will: „Afrika kann nur sich selbst helfen.“

Und dann sehe ich diese kurzsichtigen, naiven Werbespots, die ein gutes Beispiel für unbedarftes Storytelling mit Rückgriff auf überholte Muster sind.

Das Motto „Helfen auch Sie Flüchtlinge zu integrieren“ sollte geändert werden in: „Helfen auch Sie sich selbst zu integrieren.“ oder „Helfen auch Sie Ihr Unternehmen in den Weltmarkt zu integrieren.“ oder „Helfen auch Sie Deutschland in seine Zukunft zu integrieren.“

Diese Werbeslogan sind wahrscheinlich schwer vermittelbar, aber integriert sich Deutschland mit Hilfe von Flüchtlingen nicht in seine eigene Zukunft? Ich erinnere an die vielfach zitierte Geburtenrate oder die Innovationskraft durch Vielfalt.

Die Werbespots werben dafür zu helfen. Sie werben nicht dafür intelligent und nachhaltig zu integrieren. Die Hilfe scheint allein dem Ego des Helfenden zu dienen: Stolz schaut der weiße Mann in die Kamera, der symbolisch für sein Unternehmen steht. Diese Symbolik offenbart dann auch den Sinn der Werbekampagne: Es geht um das Ego bzw. das Image der Unternehmen. Leider auf Kosten von erfolgreicher Integration.

 

Die Kraft der Story

Stell dir vor, du willst 10 Mal auf einen Basketballkorb werfen. (Oder wenn du dir das schwer vorstellen kannst, stell dir einen Mülleimer und Papierkugeln vor oder einen Fußball und eine Torwand oder eine andere Handlung, die 10 Mal dasselbe Ziel haben.) Von den ersten 6 gelingen dir alle in einem Lauf. Du denkst: „Yeah, ich habs drauf!“ Dann verfehlst du den 7. Wurf. In diesem Moment denkst du wie die meisten: „Mist, jetzt bin ich raus. Der nächste geht auch daneben.“ Genau das ist eine Story! Denn es werden zwei voneinander unabhängige Ereignisse in einen Zusammenhang gebracht. Nüchtern betrachtet hat es für den 8. Wurf keinerlei Relevanz, was beim 7. Wurf passiert ist. Jeder Wurf steht für sich alleine. Es passiert alles in deinem Kopf. Das ist die Kraft der Story.

Wir Menschen sind wahre Storymaschinen. Jeder von uns hält (individuell und kulturell geprägte) Schablonen bereit und moduliert mit ihnen aktiv die sachliche Realität, der unser Storytelling völlig egal ist:

„aller guten Dinge sind drei“

„der frühe Vogel fängt den Wurm“

„einmal ist kein Mal“

„Freitag der 13.“

„als Sternzeichen Stier gehe ich grundsätzlich mit dem Kopf durch die Wand“

oder wie im Beispiel oben die „jetzt bin ich raus“-Schablone

Kennst du weitere Schablonen und Sprüche mit Storypotential? Hinterlasse sie bitte als Kommentar. Vielen Dank!

 

Solche Schablonen sind nicht immer schlecht. Sie geben uns Orientierung, Zutrauen in unser Handeln („aller guten Dinge sind drei“), mahnen uns zur Vorsicht („Freitag der 13.“) oder motivieren uns früh aufzustehen („der frühe Vogel …“). Doch wenn wir nicht aufpassen, können sich Schablonen gegen uns wenden: Dann stören sie unsere Konzentration beim 8. Wurfversuch; nehmen unsere Zuversicht, weil nur drei Dinge gut sind und jetzt Nummer 4 folgt; bringen uns wegen einem bloßen Datum aus dem Tritt oder vermiesen unsere Laune, die sowieso schon schlecht ist, weil wir verschlafen haben.

Solche Sprüche und Schablonen sind gut, wenn wir sie für uns einsetzen. Wenn sie stören, kommt es darauf an, sie mal geschickt und mal kraftvoll zu ignorieren.

Ein großer Basketballtrainer (Phil Jackson) führte eine Mannschaft zur Meisterschaft und bemerkte zu Beginn der Folgesaison, dass seine Spieler den Boden unter den Füßen verloren. Sie waren versucht die medienwirksam ausgeschmückten Heldenstories über sich selbst zu glauben. Er folgerte, dass seine Spieler nicht mehr das Spiel spielten, sondern vom Spiel gespielt wurden. Eine Unterscheidung, die sich zur alltäglichen Handhabung von Stories ebenfalls empfiehlt: Spielst du noch die Story oder wirst du schon von ihr gespielt?

Hilf mir bitte das Thema weiter zu verfolgen, indem du Sprüche oder Schablonen mit Storypotential als Kommentar hinterlässt.

Vielen Dank! Christian