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Der wichtigste Tweet des Jahres 2016

Der wichtigste Tweet des Jahres 2016 geschah am 31.12. um 23:08 Uhr. Dieser Tweet bringt kurz vor Jahresende in Bewegung, was durch die Angst vor Terror und peinlicher Polizeiarbeit in der vorherigen Silversternacht einseitig zu verhärten drohte: Die Stadt Köln nahm sich vor, es besser zu machen und schoss mit Racial Profiling und Nafri-Bezeichnung über ihr Ziel hinaus. Jetzt diskutiert Deutschland wie es gelingen kann, möglichst hohe Sicherheitsstandards zu gewährleisten ohne rassistische Mittel zu verwenden. Eine sehr wichtige Diskussion. Die Kölner Polizei handelte aus Angst vor Terror und Versagen. Ihr ist kein Vorwurf zu machen, denn ihre Situation gleicht dem Dilemma eines westlich orientierten Arabers, der in Deutschland in eine U-Bahn steigt und sich über die musternden Blicke der anderen Fahrgäste ärgert, um im nächsten Moment einen anderen arabisch aussehenden Menschen genauso zu mustern. Angst ist irrational. Nicht-Rassismus braucht die ständige Reflexion.

Dieter Nuhr gibt am Ende seines empfehlenswerten Jahresrückblicks 2016 folgenden treffenden Gedanken mit: „Die Wahrheit liegt oft in der Mitte. Die Mitte ist nicht mehr der bequeme Ort für Spießer. (…) In der Mitte ist man heute zwischen den Stühlen. (…) [Die Mitte] ist da wo eben nicht immer alles so einfach ist, weil man von [ihr] aus immer beide Seiten sieht und mühsam abwägen muss.“

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Der Tweet hat die heilende, desillusionierende Wirkung einer Sicherheits- und Perfektionsillusion. Er hat eine gesellschaftliche Diskussion ins Rollen gebracht, die einer Spirale gleicht. Zwar werden wir nie in eine absolute Mitte gelangen (auch das ist eine Illusion), doch das Kreisen zwischen den Polen „Wir sichern“, „Wir verhindern“ auf der einen Seite und Rassismus, Racial Profiling, Nafris auf der anderen Seite ist der richtige Weg. Er hat kein Ende. Die eine oder die andere Seite wird immer überwiegen. Doch wenn wir die Kraft haben, die Dieter Nuhr beschreibt, dann können wir uns in einer relativen Mitte einpendeln.

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Neubeschreiben – Zwischen Illusion und Desillusion

Kurze Zusammenfassung der ersten drei Beiträge zum Kunstprojekt neubeschreiben.

Wir leben in einer Illusionskultur. Illusionen sind Teil menschlicher Veranlagung wie die Illusionen rund um die Liebe. Unsere Illusionskultur hängt mit evolutionären Entwicklungen des Menschen zusammen: Vor 70000 Jahren wurde der Mensch sesshaft und begann den Ackerbau. Während er zuvor von der Hand in den Mund lebte und sich Illusionen kaum aufbauen konnten, illusionierte der Mensch von nun an eine bessere Zukunft. Und auch die aktuelle Werbekultur verkauft Illusionen, indem sie Widersprüche überblendet.

Doch es geht nicht darum über die kapitalistischen Interessen der Konsumindustrie zu jammern. Neubeschreiben ist keine Kulturkritik. Denn Illusionskraft ist Schaffenskraft. Wer im Illusionstunnel ist, der übersieht Zweifel und Hindernisse. Er glaubt an die Erreichung seines Vorhabens. Daher können Illusionen sehr positive Wirkungen entfalten.

Andererseits sind Desillusionen überraschend heftig, wenn schlechte Arbeitsbedingungen bei Amazon, falsche Nachrichten bei Facebook oder negative Folgen der Digitalisierung offenbar werden. Wir fallen dann aus allen Wolken.

Neubeschreiben beobachtet Desillusionspotentiale. Es beobachtet das Eigenleben verheißungsvoller Innovationen wie Digitalisierung, die sich in Fake News, Datensammlung und Populismus ausformt. Die Mechanismen von Des- und Illusionsprozesse werden beschrieben. Wie gelingt es einem Uli Hoeneß trotz Steuerhinterziehung und Gefängnisstrafe integer zu wirken?

Neubeschreiben sucht nach Beschreibungen, die oben (Illusion) und unten (Desillusion) verbinden: Berlin ist arm aber sexy. Liebe ist Arbeit. Oszillationen die zeigen, wie es sprachlich und humorvoll gelingen kann, in der Mitte zu bleiben.

Doch Oszillationen sind nicht unbedingt notwendig, um in der Mitte zu bleiben. Denn Vielfalt und Dynamik verhindern das Verhärten von Illusionen. Folgendes Schaubild zeigt: Lange verhärtete Illusionswellen steigen und fallen in extreme Höhen und Tiefen, während kurze Wellen nicht so extrem ausfallen.

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Vielfalt und Veränderungen geben also (widersprüchlicherweise) Bodenhaftung. Dies gilt für den Einzelnen wie für die Gesellschaft.

Wer sich gegen die Stärke von Des-Illusionen zu schützen weiß, ist im Vorteil. Eine philosophische Beobachterhaltung hilft, doch vollständig eliminieren kann man Des-Illusionen nicht. Die buddhistische Erleuchtung kann als absolute Mitte zwischen oben und unten aufgefasst werden (also die waagerechte Gerade in der Mitte zwischen oben und unten). Doch wer kein (verrückter) Erleuchteter ist, für den ist Humor die bessere Alternative.

Neubeschreiben 3: Erdbeerjoghurt, Liebe, Digitalität

Die Kategorie „Neubeschreiben“ ist ein evolutives Kunstprojekt mit systemtheoretischen Anleihen. Es soll keinen Wissenschafts- und Wahrheitsansprüchen genügen, sondern entlang einer Unterscheidung die Welt beobachten und dabei sich selbst beobachten. Die Unterscheidung heißt Ernst und Ironie bzw. Illusion und Desillusion. Viel Spass!

Im dritten Beitrag des Kunstprojekts Neubeschreiben werden die kulturellen Erscheinungen Erdbeerjoghurt, Liebe und Digitalität betrachtet. Die Liebe ist wahrscheinlich der älteste und deutlichste Illusionsmoment des Menschen. In ironischer Hinsicht passt die Wahl des Erdbeerjoghurts aufgrund der (alten) desillusionierenden Nachricht, dass das Joghurt zum Teil Sägespäne beinhaltet. Digitalität wird aktuell in seiner desillusionierenden Erscheinung diskutiert (Fake News etc.).

Das Erdbeerjoghurt

Illusion

Das Erdbeerjoghurt verspricht uns in Werbung und Geschmack sommerliche Frische. Wenn wir an Erdbeerjoghurt aus der Werbung denken, fällt uns vielleicht das Grün eines Erdbeerfeldes an einem heißen Sommertag ein. Das Feld ist gespickt mit roten Punkten. Wir bücken uns zur Erde und greifen nach einer saftigen Erdbeere während uns ein lauer Sommerwind erfrischt. Wir schlemmen genüsslich das Joghurt einer bekannten Marke.

Oszillation

Kann man diese Illusion abschwächen, indem man ein No-Name-Erdbeerjoghurt kauft? Vielleicht eins mit viel Verpackungsmüll? Indem man das Haltbarkeitsdatum entfernt? Die schädlichen Inhaltsstoffe oder den ökologischen Fußabdruck groß auf die Verpackung schreibt?

Desillusion

Denn die Realität des Erdbeerjoghurt sieht freilich anders aus: Es wird in riesigen Fabriken hergestellt, die der Natur eines Erdbeerfeldes kolossal widersprechen. Die Milchmasse wird in riesigen Eimern zusammen gepanscht. Es kommt alles hinein, was billig, haltbar und verdaulich ist. Es kommen Sägespäne hinein. Tonnen von abgelaufenen Joghurts landen jedes Jahr auf dem Müll. Der Erdbeerjoghurtmarkt unterliegt harten marktwirtschaftlichen Regeln. Wenn die Firma nicht rechtzeitig liefert, verschwindet sie aus dem Regal im Supermarkt. Arbeiter, die dem Akkord in der Produktion nicht standhalten, droht die Kündigung.

Die Liebe

Illusion

Die Liebe ist wahrscheinlich eine der ältesten Illusionen der Menschheit. Wir erinnern uns gerne an die ersten Tage und Wochen der großen Lieben unseres Lebens. Wir sehen das Kino, vor dem wir auf unseren Partner warten und spüren wieder unsere nervösen, schwitzigen Hände. Dann sehen wir sie/ihn um die Ecke kommen und unser Herz schlägt schneller. Wir erinnern uns an die leidenschaftlichen Küsse zur Begegnung und riechen wieder ihren/seinen einmaligen Duft. Wir wollen uns niemals trennen. Nichts kann unsere Liebe jemals erschüttern. Unsere Liebe ist perfekt.

Oszillation

Doch wer die Liebe nicht als Arbeit begreift, der wird sie nicht lange erhalten. Für denjenigen führt die Liebe zur eigentlichen Bedeutung des Wortes Leidenschaft. Liebesfähigkeit entsteht vielleicht nicht durch Einmaligkeit, sondern durch Mehrmaligkeit: Wer mehrere Beziehungen geführt hat, erhöht seine Chancen auf eine gelingende Partnerschaft.

Desillusion

Denn das Erlöschen des Feuers des Anfangs gehört zur Liebe dazu. Nach einer Weile kommt es zu den ersten Streitigkeiten. Die Macken des/der Anderen treten aus dem gleißenden Licht der Illusion hervor. Zweifel entstehen. Was endlos schien, droht endlich zu werden. Vielleicht trennt man sich. Die Hoffnung wird zerstört. Die Enttäuschung ist groß. Die Liebe ist eine evolutionäre Triebfeder der Fortpflanzung.

Digitalität

Illusion

Digitalität verspricht grenzenlose Kommunikation und Vereinfachung im Alltag. Folgende Werbung zeigt die frohen Erwartungen, die mit dem Internet 1987 verbunden waren.

Online-Banking, Emails und Nah- und Fernverkehr – alles und noch viel mehr ist so gekommen wie der Werbespot von 1987 es verspricht. Grenzenlose Kommunikation und freier Informationsfluss sind faszinierende Selbstverständlichkeiten unseres Alltags. Eine neue Vielfalt wird möglich.

Oszillation

Die tag-tägliche Auseinandersetzung mit Digitalität zeigt uns einerseits ständig die Möglichkeiten und zugleich ständig die Probleme auf. Es entsteht ein eng getakteter Wechsel zwischen Illusion und Desillusion.

Desillusion

Fake-News, digitale Roboter (Bots), Datensammlung, Datenklau, Cyberattacken, Viren, Customized Culture, Shitstorms, Online-Mobbing u.v.m. sind Phänomene, die aus den digitalen Innovationen entwachsen sind.

Im weiteren Sinne kann man auch Trump, Pegida und Populismus hinzu zählen. Es sind Abformungen der neuen Vielfalt. Denn die Customized Culture bestimmt nicht nur unseren Warenkonsum, sondern auch unseren Nachrichtenkonsum: Aus den gesammelten Daten werden individualisierte Vorschläge entwickelt, die uns Schritt für Schritt von der Smartphoneblase des Gegenübers in der Ubahn entkoppeln (z.B. Nachrichtenfeed von Facebook und Windows 10). Die Fähigkeit andere Meinungen zu akzeptieren schrumpft und der Nährboden für Populismus wächst.

Neubeschreibung

Illusion

Der Vergleich von unvergleichlichen Erscheinungen unserer Kultur befeuert die Perspektiverweiterung auf die jeweils anderen Erscheinungen: Die Idee eine Werbung für das Internet von 1987 zur Darstellung der Digitalität zu nutzen, entstand aus der Beschreibung des Erdbeerjoghurts. Die Betrachtung des Erdbeerjoghurts zeigt, dass unser Illusionsdenken eng mit unserer Werbeindustrie verbunden ist während die Betrachtung der Liebe zeigt, dass Illusionsgefühle scheinbar tief in den Menschen eingeschrieben sind. In allen Fällen scheint der Wille zur Illusion bei gleichzeitigem Einbezug von Desillusion nicht ausgeprägt. In der Konsumindustrie stört Desillusion die Gewinnmaximierung. In der Liebe mindert Desillusion die Lust auf den Partner und damit den Fortpflanzungswillen.

Neubschreibung funktioniert, weil Illusion und Desillusion zwei fest verankerte Mechanismen unserer Kultur sind. Neubeschreibung profitiert als Blog von Digitalität.

Oszillation

Doch zugleich hat Neubeschreibung Probleme, den Fokus der Betrachtung bei den jeweiligen kulturellen Erscheinungen zu wählen. Es braucht eine eingrenzende Form, die in diesem Beitrag durch den Fokus auf Werbung gefunden ist, aber innerhalb der Theorie noch nicht allgemeingültig ist. Im letzten Beitrag war die Form ein Ausschnitt aus dem Buch „Eine kleine Geschichte der Menschheit“.

Oszillation wird durch regen Kontakt mit der jeweiligen kulturellen Erscheinung wahrscheinlicher. Die Digitalität ist durch ihre extreme Präsenz von oben und unten ständig in Beschlag. Die Amplitudenausschläge in beide Richtungen sind noch extrem stark. Dies sollte mit der Fortdauer des Phänomens sukzessive Abnehmen. Ein Vergleich mit der Liebe zeigt: Liebe als Arbeit macht Digitalität als Arbeit denkbar. Wir werden ständig neue Probleme bekommen und sie in kreisförmigen Bewegungen beheben, da wir unsere Digitalität lieben.

Schwierig ist eine Oszillation des Erdbeerjoghurts. Dennoch entsteht der Eindruck, dass man als Konsument den „sauberen“ bzw. „ökologischen“ Konsum mit Vorsicht genießen sollte, da man sich in selbstgerechten Illusionsblasen verlieren kann.

Frei nach dem Motto: Es sollte auch mal ein Ei aus der Legebatterie sein, denn es schützt vor Illusionen.

Desillusion

Ein neu entdecktes Prinzip der Desillusion ist das Eigenleben: „Jedes Leben führt ein Eigenleben“ wird durch die Betrachtung der Digitalität deutlich. Eine erstaunliche Innovation der Kommunikation entwickelt ihr Eigenleben und gebärt negative Erscheinungen wie Fake News, Trump und Populismus. Die Weiterentwicklung eines jeden Systems schafft unvorhersehbare Probleme.

Neubeschreibung entfaltet als evolutives Theoriesystem kultureller Erscheinungen viele interessante Ideen, die jedoch für eine breite Masse nicht zugänglich sind. Der Text erscheint auf den ersten Blick lang. Einige Gedanken erscheinen dem Leser eventuell so lächerlich, dass er nicht weiter lesen wird. Andere werden sich nicht die Mühe machen, sich den Gedanken vertiefend zu widmen. Die Darstellung ist leider noch ein desillusionierendes Moment der Neubeschreibungstheorie.

Vokabular 7: Erdbeerjoghurt

Beschreiben, ernst nehmen,

Illusion

Sommer, Frische, Genuss, Marke, Gesundheit, Geschmack, Natürlichkeit
ständig  
Neu,

ironisieren, Desillusion

Sägespäne, Profit, Fabirk, Konsum, chemische Produktion

Vokabular 8: Liebe

Beschreiben, ernst nehmen,

Illusion

Dauer, Treue, Überstrahlung, Perfekt, Honey Moon, aufregend, Lust, Erotik, bedeutsam, groß
ständig Liebe als Arbeit, Leiden-schaft
Neu,

ironisieren, Desillusion

Vergänglichkeit, Tod, Enttäuschung, Trennung, Streit, Krisen, Fremdgehen, Triebe, Krankheiten, Macken des Partners

Vokaburlar 9: Digitalität

Beschreiben, ernst nehmen,

Illusion

freie Information, schnelle Information, unbeschränkte Teilhabe, Zeitunabhängigkeit, Ortsunabhängigkeit, Grenzenlosigkeit, Förderung von Vielfalt,
ständig weltweiter Wettbewerb, Globalisierung, erhöhte Dynamik
Neu,

ironisieren, Desillusion

Eigenleben, Dominanz weniger Unternehmen, falsche Information/Fake News, Datensammlung, Datenanalyse, Manipulation der Nutzer, customized culture, Smartphoneblasen bzw. Nachrichtenblasen
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Die 4-Stunden Woche

Wie funktioniert Neubeschreibung, wenn du dich selbst oder Menschen aus deinem Umfeld verändern willst? In der Kategorie NB Methoden sammle ich Methoden und Strategien zur Selbstentfaltung.

Wer sich neu erfinden will, dem hilft es über sein Zeitmanagement nachzudenken. Oft investieren wir zu viel Zeit in Dinge, die nicht unserer Neubeschreibung und vielleicht überhaupt keinem Zweck dienen. Das behauptet zumindest Timothy Ferriss in seinem Bestseller „Die 4-Stunden Woche“.

Ob man es wirklich schafft, 4 Stunden pro Woche zu arbeiten, ist aus meiner Sicht für die Lektüre des Buchs irrelevant. Zum Beispiel verfolge ich selbst nicht das Ziel ein „Neuer Reicher“ zu werden, wie er im Buch vorgestellt wird. Das klingt für meinen Geschmack zu hedonistisch und Hedonismus macht nicht glücklich. Mein Ziel ist es, meine Zeit sinnvoll zu nutzen. Und dafür hilft das Buch auch.

Denn das Buch regt dazu an, einige Gewohnheiten zu hinterfragen. Ferriss schlägt vor, sich mehrmals täglich aufrichtig zu fragen, ob man gerade produktiv ist. Er führt die Unterscheidung von Effizienz und Effektivität ein und legt nahe, Zeitfresser zu sammeln statt sie verteilt zu erledigen. Statt einer To-do-Liste soll man eine Not-to-do-Liste anlegen. Es wird der Begriff der Selektiven Ignoranz eingeführt. Um sinnlose, zeitfressende Gespräche zu vermeiden, empfieht er bei Terminabsprachen aktiv einen klaren Vorschlag über Zeit und Inhalt des nächsten Termins vorzuschlagen. Dies spart unnötige Diskussionen und man entwickelt nebenbei seine Führungsqualitäten weiter.

Durch griffige Neubeschreibungen alter Themen (zum Beispiel selektive Ignoranz), interessante Vergleiche und witzige, illustrierende Anekdoten und Zitate entstand während meiner Lektüre eine plausible Vision von einem schlankeren Lebensstil, der mir gut tun könnte. Daher: Ein Buch, welches Neubeschreiber gebrauchen können.

PS Ein Zitat hat mir besonders gut gefallen, da es Lesen in Frage stellt bzw. neubeschreibt. Allgemein gilt Lesen in unserer Kultur als das non-plus-ultra von Bildung. Doch passives Lesen sollte sich mit aktiver Produktivität in der Waage halten:

„Ab einem bestimmten Alter lenkt Lesen den Geist zu sehr von seinen kreativen Beschäftigungen ab. Wer zu viel liest und sein Gehirn zu wenig nutzt, entwickelt faule Denkgewohnheiten.“ (Albert Einstein)

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Neubeschreiben 2: Landwirtschaftliche Revolution, Plastik und Bioprodukte

Der zweite Beitrag zum Kunstprojekt „Neubeschreiben“: Betrachtung der kulturellen Erscheinungen Landwirtschaftliche Revolution, Plastik und Bioprodukte und anschließende Selbstbetrachtung des Neubeschreibens.

Vokabular 4: Die Landwirtschaftliche Revolution

Die Landwirtschaftliche Revolution ist in der Geschichte der Menschheit ein paradigmatisches Beispiel für einen Illusion-Desillusionsprozess. Was sich der Mensch erträumte, als er in der Steinzeit anfing sich als Bauer zu betätigen, schildert Yuval Noah Harari in seinem bemerkenswerten Buch „Eine kurze Geschichte der Menschheit“:

Wir müssen zwar mehr arbeiten, aber dafür fällt die Ernte umso reichlicher aus! Wir müssen uns keine Gedanken mehr über magere Jahre machen. Unsere Kinder werden nie mehr hungrig einschlafen müssen. Das Leben wird so gut!(S. 112)

Doch es scheitert:

Die Menschen sahen nicht vorher, dass sie mehr Kinder bekommen würden (…). Sie ahnten nicht, dass sie mit der Abhängigkeit von einer einzigen Nahrungsquelle die Verheerungen einer Dürre deutlich schmerzhafter zu spüren bekommen würden. Und genauso wenig sahen sie vorher, dass in guten Jahren ihre vollen Getreidespeicher Diebe und Feinde anlocken würden, weshalb sie Mauern bauen und Wachen aufstellen mussten.“ (S. 113)

Harari beschreibt diesen Illusions-Desillusionsprozess als Bumerang: „Der Traum vom besseren Leben fesselte die Menschen ans Elend.“

Ähnlich wie Harari den Illusions- und Desillusionsprozess der Landwirtschaftlichen Revolution beschreibt, können wir alle kulturellen Erscheinungen beschreiben. Ich experimentiere:

Vokabular 5: Plastik

Die Menschen dachten ursprünglich: Toll, dieses Plastik ist so praktisch. Ich kann alles hinein tun und es hält ewig. Gleichzeitig ist diese Material so schön leicht, anpassungsfähig und bunt. Ich kann alles damit machen, jede Form, jede Farbe. Und noch dazu ist die Produktion nicht teuer. Das Leben mit Plastik ist so gut!

Doch es scheitert:

Die Menschen ahnten nicht, dass Plastik ein paar Jahrzehnte später ein Menschheitsproblem in Hinblick auf die Umwelt ist. Der Müll in den Weltmeeren besteht zu einem Großteil aus Plastik. Sogar die Menschen bestehen inzwischen zu einem kleinen Prozentsatz aus Plastik und es ist noch nicht geklärt, ob sich dies auf die Fruchtbarkeit der Menschen auswirkt. Darüber hinaus ahnten die Menschen nicht, dass im marktwirtschaftlichen globalen Kampf um die billige Produktion giftige Chemikalien zur Herstellung eingesetzt werden.

Vokabular 6: Bio-Produkte

Wir müssen zwar mehr bezahlen, aber dafür wird unsere Natur geschützt. Wir müssen uns weniger Gedanken um die Umwelt machen. Wir werden unseren Kindern einen sauberen Planeten hinterlassen.

Doch es scheitert:

Die Menschen sahen nicht deutlich, dass auch Bio eine Marke ist. Sie ahnten nicht, dass sie diese Marke zur sozialen Distinktion nutzen werden. Sie durchschauten erst spät die marktwirtschaftlichen Interessen, die mit Biozertifikaten verbunden ist (Nicht überall wo Bio drauf steht, ist auch Bio drin.)

Das Neubeschreibenexperiment scheint gut zu funktionieren: Bei allen drei kulturellen Erscheinungen stehen die Illusionen am Anfang und einige Zeit später werden die Desillusionen klar. Harari regt mit seiner Bumerang-Metapher folgende Skizze an:

Neubeschreibung: Des-Illusions-Bumerang:

bumerang

Die Abbildungen illustrieren eine Entwicklung: In der ersten Abbildung legt der Bumerang einen weiten Weg zwischen oben und unten zurück. Dies ist kennzeichnend für das Anfangsstadium von kulturellen Neubeschreibung. Zunächst hoffen die Menschen, dass das Plastik eine geniale Lösung ist (Illusion). Doch dann stellen sie fest, dass es Probleme schafft (Desillusion). Wenn diese Probleme gelöst werden, entstehen neue Probleme. Der Bumerang fliegt erneut, nur diesmal nicht so weit nach oben (Abbildung 2). Dieser Prozess wiederholt sich ständig: Neue Lösungen schaffen neue Probleme. Abbildung 3 zeigt einen Idealzustand, da die Des-Illusionsamplitude nicht ausschlägt. Dieser Zustand wird in lebendigen Kulturen unserer Zeit nicht erreicht. (Er ist vielleicht vergleichbar mit buddhistischer Erleuchtung.)

(Nicht vergessen: Zusammenfassung und Selbstbeobachtung siehe unten)

Vokabular 4: Landwirtschaftliche Revolution

Beschreiben, ernst nehmen,

Illusion

toller Plan, tolle Idee, Traum vom besseren Leben, Erholung und Entspannung in der Zukunft, Sicherheit, große Ernte
ständig Bumerangeffekt, Luxusfalle
Neu,

ironisieren, Desillusion

Bevölkerungswachstum, mehr Arbeit, harte Arbeit, einseitige Ernährung und Schwächung des Immunsystems, Hungersnöte, Elend, Diebstahl, Feinde, Mauern, Wachen, Kriege, eine Falle, Sackgasse

Vokabular 5: Plastik

Beschreiben, ernst nehmen,

Illusion

Praktisch, konservierend, haltbar, leicht, bunt, glänzend, anpassungsfähig, sauber, billige und schnelle Produktion
ständig Anthropozentrisch – Plastik ist auch Natur
Neu,

ironisieren, Desillusion

Müll, giftig, lange Haltbarkeit, Umweltverschmutzung

Vokabular 6: Bioprodukte

Beschreiben, ernst nehmen,

Illusion

fair, sauber, Dorfleben in der Großstadt, saubere Produktion, umweltfreundlich, Konsum mit Gewissen
ständig
Neu,

ironisieren, Desillusion

Harter Kampf um Zertifikate, Gewinn, Geld, Werbung, schöner Schein, Labeling der Produkte, soziale Abgrenzung durch Biokonsum

Neubeschreibung (Zusammenfassung der wichtigsten Schlagwörter aus den Vokabularen 4-6)

Beschreiben, ernst nehmen,

Illusion

Lösung, Nostalgie (des Dorflebens), Umweltfreundlichkeit, bunt, glänzend, anpassungsfähig, Zukunftstraum, Sicherheit
ständig  Bumerang
Neu,

ironisieren, Desillusion

Problem, marktwirtschaftliche Logiken, Labels und Zertifikate, soziale Distinktion, Konsum

Zusammenfassung:

Wer den Des-Illusionsbumerang versteht, kann bei der Neuentstehung von kulturellen Formen desillusionierende Momente antezipieren. Zum Beispiel: Wer die günstige Lieferung bei Amazon kennt, sieht die schlechten Arbeitsbedingungen oder ähnliches vorher. Selbst der Kaiser Franz Beckenbauer hat Gelder unterschlagen.

Zur Antezipation von Illusionen helfen folgende Faustregeln, die sich aus den gesammetlen Schlagwörtern der Neubeschreibungstabelle formulieren lassen.

Fausregeln zu Illusionsgefahr:

  • Alles was Sicherheit verspricht, ist eine Illusion, denn das Leben ist unsicher.
  • Zukunftsträume sind immer Illusionen, da niemand die Zukunft kennt.
  • Nostalgien sind Illusionen.
  • Umweltfreundlichkeit ist ein schwer zu erreichendes Ziel. Wer es verkauft, verkauft nicht selten eine Illusion.
  • Illusionen sind anpassungsfähig, bunt und glänzend.

Faustregeln zu Desillusionsgefahr:

  • In marktwirtschaftlichen Zusammenhängen ist Desillusion zu erwarten.
  • Labels und Zertifikate sind Kaufgründe und daher marktwirtschaftlichen Interessen unterworfen.
  • Alles, was sich zur sozialen Distinktion verwenden lässt, hat Desillusionierungspotential.

Selbstbeobachtung:

Man sollte sich keine Illusionen darüber machen, dass konkrete Inhalte von Desillusionen vorhersehbar sind. Es lässt sich nur ein Des-Illusionspotential entlang der Faustregeln analysieren:

  • Neubeschreibung ist anpassungsfähig, da vielfältige kulturelle Formen von Wirtschaft bis Kunst beschrieben werden können. Achtung: Illusionsgefahr!
  • Neubeschreibung versucht bunt zu sein. Achtung: Illusionsgefahr!
  • Neubeschreibung bietet Sicherheit, da Desillusionspotential analysiert werden kann. Achtung: Illusionsgefahr!
  • Derzeit keine Desillusionsgefahr, da es sich nicht marktwirtschaftlich nutzen lässt und sich nur äußerst begrenzt zur sozialen Distinktion eignet.
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Die Praxis Donald Trumps – und was wir von ihr lernen sollten

Donald Trump beherrscht die Praxis, nicht die Inhalte. Im Wahlkampf hat er null Inhalt überzeugend vertreten. Dies belegt im Ausschlussverfahren: Wenn er keine Inhaltskompetenz hat, dann muss er Praxiskompetenz haben. Wie hätte er sonst die Präsidentschaftswahl gewinnen können?

Diese Gedanken ermuntern zu folgendem Experiment: Wie zeigen sich Trumps Praxisstärken? Wie setzt er sein Verhalten für seinen Erfolg ein?

Medien

Trump wurde zitiert: „Ich benutze die Medien, wie sie mich benutzen.“ Und das macht er offenbar sehr gut, denn die Medien sind ohne Zweifel eine zentrale Triebfeder seines Wahlsiegs gewesen. Doch was heißt, jemanden benutzen, wie er oder sie mich benutzt? Im Fall von Medien bedeutet es die Mechanismen von Aufmerksamkeit und Bedeutungslosigkeit zu verstehen und sie für sich zu nutzen. Wichtig ist dabei, dass Trump verstanden hat, wie die Medien funktionieren (Praxis) und nicht (unbedingt) was sie sagen (Inhalt). Er ist wie ein Kleinkind, dass die Bewegungen der anderen nachahmt ohne sie zu verstehen und dennoch alles wie ein Schwamm aufsaugt.

Wirtschaft

Er hat unter anderen die Mechanismen der Medien genutzt, um ein erfolgreiches Unternehmen aufzubauen. Und bevor jetzt die Kritiker den Zeigefinger heben und sagen, er hat das Unternehmen nur halten können, weil die Steuerzahler ihn vor dem Ruin gerettet haben, dann liegt genau darin ein Argument für Trumps Stärke in Sachen Praxis: Denn Trump machte sich offenbar systemrelevant, als es das Wort Systemrelevanz oder Lehmannpleite noch nicht gab. Seine Wähler vertrauen vielleicht nicht unbedingt zu unrecht auf das Motto: Der beste Lehrer war ein schlechter Schüler. Sie unterstellen, dass er die Zahnräder der modernen Wirtschaft versteht, weil er sie wie kaum ein anderer für sich genutzt hat. Er kennt die Schlupflöcher aus eigener Praxis und kann sie daher am besten aufdecken.

Kleidung

Seine Kleidung wird als zu groß und daher unförmig beschrieben. Es wird gesagt, er kleidet sich wie arme Leute sich reiche Menschen vorstellen. Und wahrscheinlich trifft genau das auf den Punkt: Die Menschen können sich mit ihm identifizieren. Und dann verblasst der Reichtum seiner Eltern oder die Inhaltsleere seiner Rede hinter der zu großen roten Krawatte oder dem grellen, goldenen Kitsch im Presseraum seines Hotels.

„Merkeln“

Angela Merkel wurde durch ihre Politik ohne Inhalte zur mächtigsten Frau der Welt. Stets passt sie sich an, indem sie die Abläufe der wechselnden Themen beobachtet und zu strategisch günstigen Zeitpunkten Standpunkte mit Exitmöglichkeiten bezieht. Trumps hochfrequenter und ungefilteter Sprachgebrauch unterscheidet sich zwar von den verklausulierten Sätzen Merkels, aber er bietet ihm ebenso viel Handlungsspielraum für aktuelle Inhalte.

Fazit

Trump beherrscht die seit der Aufklärung meist stiefmütterlich behandelte Praxis. Er wirkt wie ein von Selektionsdruck berohtes Tier, dass sich an die Mechanismen seiner Umgebung anpassen muss, um zu überleben. Anpassung ist ein wichtiger Praxiskanal. Zukünftig wird nur derjenige Trump überlegen sein, der es schafft, seine Inhalte mit seiner Praxis zu verbinden.

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Toni Erdmann – ein Gastbeitrag von Mattes

Mattes, vielen Dank für deine Neubeschreibung von „Toni Erdmann“. Ein interessanter Beitrag zum Thema gesellschaftliche Rolle, was sie mit uns macht und wie wir sie für uns und andere nutzen können. Und nun zum Text:

Der hoch gelobte „Toni Erdmann“ ist, zunächst einmal, einer von wenigen wirklich lustigen deutschen Filmen. Toni Erdmann ist das mit falschem, hässlichem Gebiss versehene Alter Ego eines alternden, spitzbübischen Lehrers. Dieser versucht, den sehr losen, auf Höflichkeiten begrenzten Kontakt zu seiner Tochter Ines, einer erfolgreichen Karrierefrau im Unternehmensberatungs-Business, zu intensivieren, und besucht sie daher zu ihrem Geburtstag in Bukarest, wo sie zu der Zeit arbeitet.

Alsbald beginnt Ines, ihren Vater in ihr geschäftliches Rollenspiel einzubinden; er wird als Gast geduldet, muss aber den Business-Regeln gehorchen. Ines macht keinen Hehl daraus, dass die Arbeit Priorität hat. Ihren Vater behandelt sie mit geschäftsmäßiger, kühler Höflichkeit – offenbar nicht aus bösem Willen, sondern eher aus Gewohnheit.

Wir erfahren nichts über Ines´ Motivation zum beruflichen Erfolg – ob sie ihrem Vater gefallen oder sich von ihm abgrenzen möchte (oder beides, oder etwas ganz anderes).

Der Vater reist frustriert ab – zum Schein. Eigentlich nämlich bleibt er, ohne es Ines zu sagen, und wird, mit Hilfe einer Perücke und einem schrägen Karnevalsgebiss, Toni Erdmann. Als vorgeblich freiberuflicher Coach stellt er seiner Tochter nach und mischt sich in ihre Arbeitsumgebung, schäkert in ihrem Beisein mit Arbeitskolleginnen und spricht Kollegen auf die Kumpeltour an, dass es der Tochter nur so graust – mit anderen Worten: Er zwingt ihr nun sein Rollenspiel auf. Die misslungene Annäherung wird also nun ersetzt durch einen – perfiden, aber für die Zuschauer ungemein amüsanten – Machtkampf. Toni Erdmann wirkt dabei auf den ersten Blick wie der Held: Seine Maskerade erlaubt ihm, einer Narrenkappe gleich, als provokanter Störenfried eine Gesellschaft geleckter, mitunter asozialer Karrieristen vorzuführen. Was ihn als Figur reizvoll macht, ist sein Mut und die Macht der Anarchie: Er macht einfach, was er will – und was wir uns nie treuen würden.

Auf den zweiten Blick sieht es jedoch trauriger aus. Ines ist eine Gefangene ihrer Rolle, das ist nicht zu übersehen. Der Druck und das Fehlen authentischer menschlicher Kontakte machen sie zwar unglücklich, sie verdrängt dieses Unglück jedoch und hält den Wert der Karriere hoch.

Der Vater ist nun gekommen, um sie aus dieser Rolle zu befreien. Dass er dazu das Ausbrechen aus seiner normalen Identität wählt, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch er in seiner Rolle gefangen ist: Ganz Pädagoge, versucht er, jemanden – in diesem Fall seine erwachsene Tochter – zu erziehen, sie auf den „richtigen Weg“ zu lenken. Die Maske des Toni Erdmann funktioniert dabei nicht als „Ausbruchshelfer“, sondern eher als Katalysator für die eigene, angestammte Rolle: Unter der Tarnidentität kann sich der Erzieher erst so richtig austoben.

Auch der Vater verdrängt seinen Konflikt: Er ist einsam, seine Bezugspersonen laufen in auffälliger Häufung davon. (Frau geschieden, Tochter in Rumänien, der Klavierschüler kündigt Erdmann bereits am Anfang des Films, außerdem stirbt der Hund.) Er hat also niemanden mehr, den er erziehen kann – und auch sonst keine engen Kontakte. Toni Erdmann kann gleich beides: Die Tochter erziehen und sich Kontakte zu Menschen verschaffen. Das tut er denn auch – und hat dafür sogar einen moralischen „Vorwand“: Er macht sich Sorgen um die Tochter und will, dass sie glücklich ist. Zudem ist ihm die unmoralische Business-Welt zuwider und er streut spielerisch Zucker in den Tank. Mögliche zu Grunde liegende Motive – der Einsamkeit zu entgehen, zu erziehen, Macht auszuüben bzw. Kontrolle wiederzuerlangen – bleiben im Dunkel. Toni Erdmann ist in diesem Sinne ein machtvoller Verdränger: Er unterhält sein Publikum (uns) viel zu gut, als dass es auf düstere Hintergedanken und versteckte Motive kommen könnte, lässt aber (eben auch durch die Rolle) ebenso wenig echte menschliche Wärme zu wie die Tochter. Vielleicht ist dieses Nicht-Zulassen auch eine Karrikatur, eine Art passiv-aggressiver Protest gegen die Kühle der Tochter. Was wir ebenfalls ja nicht wissen: Was mag sich zwischen den beiden in Kindheit und Jugend von Ines abgespielt haben? Was blieb ihr, sich gegen einen so gewandten, ideenreichen, spitzbübischen, dreisten, provokanten, machtvollen Erzieher zu behaupten? Mit Toni Erdmann kehren möglicherweise (und höchst wahrscheinlich) auch Schatten aus Ines´ Vergangenheit zurück und ein schlummernder, schwelender oder vielleicht auch schon gewonnen geglaubter Konflikt um Abgrenzung und Eigenverantwortung kehrt zurück.

Als Toni Erdmann seine Bemühungen auf die Spitze treibt und die Tochter als „meine Assistentin, Miss Schnuck“ – wie früher? – zu seinem Klavierspiel ein Lied (Learning to love yourself/It is the greatest love of all“, Whitney Houston) singen lässt, spielt diese zwar mit, verlässt aber dann schnell, alleine und brüskiert die fremde Wohnung und lässt den Vater ratlos zurück.

Seine halbgare, nicht konkret ausformulierte Botschaft an sie (etwa: das Leben mehr zu genießen) tröpfelt trotzdem durch, je mehr sich Ines durch den ungebetenen externen Beobachter bewusst macht, mit was für Menschen und Vorgängen sie da beruflich eigentlich zu tun hat. Und so schafft sie es endlich, das doppelte Rollenspiel zu beenden – auf die denkbar gründlichste Art: Sie streift die engen Business-Kleider ab und macht sich nackt, als Kolleg_innen zum Empfang zu ihr kommen – und verlangt auch von ihnen Nacktheit. Damit übertrifft sie sogar den als „böse Geister austreibender Zottel“ verkleideten Vater, befreit sich somit nicht nur von ihrer Business-Rolle, sondern auch vom Machtspiel mit dem Vater und kann ihn nun endlich – als Mensch – umarmen, annehmen und lieben.

In der letzten Szene wird vielleicht deutlich, wie sehr der ausgefochtene Kampf die Luft aus dem, auch ideologisch überhöhten, Konflikt genommen hat: Der Vater gesteht eher kleinlaut zu, dass er die schönen Momente im Leben eigentlich immer erst viel später schätzen gelernt hat (und schickt sich gleich anschließend an, den nächsten schönen Moment zu zerstören, indem er eine Kamera holen gehen will), die Tochter steht nach wie vor zu ihrem beruflichen Ehrgeiz, scheint es aber lockerer anzugehen und kann dem Vater auf Augenhöhe begegnen.

Wahre Freiheit ist die Freiheit, zu tun, was die Eltern sagen“: Ines ist sogar ein Schrittchen weiter gegangen und steht damit am Ende als die „eigentliche Heldin“ da, zugleich macht aber die Lösung des Konflikts den Helden-Begriff eigentlich überflüssig.

Berlin, Facebook und Sozialpsychiatrische Sozialarbeit

Vokabular 1: Berlin

Beschreiben, ernst nehmen,

Illusion

Hauptstadt, Dickes B, Kulturhauptstad, Partystadt, viele Subkulturen, größte Stadt Deutschlands, Digital Boheme, Unternehmerischer Geist, Start Up Szene, verhältnismäßig geringe Lebenshaltungskosten, Individualität, Freiheit, Mauer, Geschichte, Ost-West,
ständig, flache Oszillation zwischen oben und unten „arm aber sexy“, Berliner Schnauze, Bewegung im Raum möglich, selbstironische BVG-Werbung, zufällige Begegnungen
Neu,

ironisieren, Desillusion

Laut, dreckig, stinkt, soziale Kälte, Anonymität, teure Mieten, Gentrifizierung, Kriminalität, Prostitution, sozialdarwinistisch, Bettler, Armut, stressig, im Winter grau und kalt

Vokabular 2: Facebook

Beschreiben, ernst nehmen,

Illusion

Globale interaktive Kommunikation unabhängig von Zeit und Raum, Globalität, Modernität, weltumspannend, das Fenster zur Welt, Pflege von Freundschaften auf der ganzen Welt, Freiheit, Individualität, Vernetzung, Schwarmintelligenz, Vielfalt, Teilen von Botschaften, die eine Befreiung bewiken können (Stichwort: Arabischer Frühling)
ständig, flache Oszillation zwischen oben und unten
Selbstdarstellung
Neu,

ironisieren, Desillusion

kaum Interaktion, lose Meinungsplattform, Verschwörungstheorien, algorithmisch gesteuert, unsichtbare Steuerung durch ein Unternehmen, Vergleichsmaschine, schöner Schein, unecht, Kommerz, Datenkralle, Werbeträger, Dorfleben, Mikrokosmen, Meinungsblasen,
„Facebooks Geschäft ist es Werbeplätze zu verkaufen. Deshalb profitiert es von jedem viralen Inhalt, egal, ob er wahr oder frei erfunden ist.“ (Zitat)

Vokabular 3: Sozialpsychiatrische Arbeit

Beschreiben, ernst nehmen,

Illusion

Helfen, Helferpathos, Verrücktheit, Spektakularität, „psycho“, Soziale Arbeit, Medizin, Heilung, Behandlung, Psychiatrie, Rehabilitation, Diagnostik, Hilfeplanung
Ständig

Oszillation zwischen oben/unten

Humor&Ironie, Gutmenschen, Lebendigkeit, ständige Hinterfragung der Hilfe
Neu,

ironisieren, Desillusion

Unplanbarkeit, konkret, Details, Behördengänge, Kleinstarbeit, Unstimmigkeiten im Helfersystem, Zweifel, Unklarheit über richtig und falsch, Frust, Scheitern, unwichtig – null Glamourfaktor, banal, Krisen, Veränderungen, dreckig, stinkt, geringer Verdienst, Erdung

Vokabular 1: Berlin

Viele Menschen haben Illusionen über Berlin. Nicht zuletzt deswegen wächst die Stadt. Illusionen sind nicht verkehrt. Sie treiben uns an und geben uns Kraft. Das Schöne an der Illusion Berlin ist, dass man sie leicht desillusionieren kann und in eine gesunde, oszillierende Ebene bringen kann. Da man sich in der Stadt bewegen kann und so die schönen, hippen, modernen Seiten und zugleich die dreckigen, stinkenden, stressigen Seiten erleben kann, kann man mit Hilfe von Zeit eine gute Mitte finden.

Vokabular 2: Facebook

Im Facebookvokabular besteht die entscheidende Polarität zwischen Globalität und Dorfleben. Während wir als Benutzer glauben, uns aufgrund der Oberfläche in einem modernen, freien, weltumspannenden System zu bewegen, sind wir gefangen in einer undurchschaubar algorithmisch gesteuerten Meinungsblase, die einem Dorfleben gleicht. Ein klassisches Dorfleben ist gekennzeichnet durch eine geringe soziale Vielfalt und eine begrenzte Menge an Informationen (Nachrichtenfeed). Der Erfolg von Facebook verdankt sich der Globalitätsillusion und der Dorflebendesillusion. Wir wollen nicht gestört werden in unseren Meinungen. Wir wollen Spass haben, wenn wir uns im Facebookdorf bewegen und uns zugleich cool und weltoffen fühlen.

Fake News (Nachtrag am 13.12.16):

Facebook befindet sich derzeit in einer Desillusionierungsphase. Die Illusion, dass Facebook das Teilen von Botschaften und damit eine Befreiung der Menschen ermöglicht (Stichwort „arabischer Frühling“) wird derzeit desillusioniert, wenn man erfährt, wie Facebook sich gegen eine Redaktion der Nachrichten sträubt. Facebook hat kein Interesse Fake News zu filtern, da es von viraler Lebendigkeit egal welcher Art lebt. Patrick Beuth bringt es auf den Punkt: Facebook „(…) profitiert (…) von jedem viralen Inhalt, egal, ob er wahr oder frei erfunden ist.“

Das bedeutet im Rückschluss, dass die Illusionskraft von Facebook wie ein selbstverstärkender Kreislauf von seiner Lebendigkeit lebt.

Vokabular 3: Sozialpsychiatrische Sozialarbeit

Eventuell entsteht hier zurecht die These, dass man mehr Desillusionsfaktoren nennen kann, je besser man sich in einem Vokabular auskennt. Ich arbeite selbst als sozialpsychiatrischer Sozialarbeiter! Diese These muss zukünftig geprüft werden. (Die Aufgabe der Neubeschreibungstheorie ist sich selbst als Vokabular zu betrachten.)

Sozialpsychiatrische Sozialarbeit fordert ein hohes Maß an Akzeptanz von desillusionierenden Momenten bei gleichzeitiger Akzeptanz und notwendiger Aufrechterhaltung von illusionierenden Faktoren. Einen Masterplan gibt es nicht und man muss verstehen, dass sich dieser nicht in illusionierenden Behandlungsplänen herstellen lässt. Das Leben lässt sich nicht planen. Dennoch sind die Illusionen wie Pläne und Heilungsidee wichtige Triebfedern, die einen diese Arbeit tun lassen. Man muss ihre desillusionierende Wirkung einerseits zulassen und andererseits sich von ihr distanzieren. Ernst nehmen und ironisieren.

Vokabular: Neubeschreibung

Woraus entsteht die Ironie der Neubeschreibung?

Bei der Herausforderung aus den drei Vokabularen folgenden Text zu gestalten, fragte ich mich woraus das ironisierende Moment bei Neubeschreibung besteht. Sicherlich wird Neubeschreibung kaum gelesen und ist daher keine tolle Idee, wie das für Illusionen (z.B. Facebook) üblich ist. Erkenntnis 1: Bedeutungslosigkeit führt zu wenig Illusion. Wobei damit die Illusionskraft der Theorie Neubeschreibung gemeint ist und nicht die Illusion seines Erschaffers. Erkenntnis 2: Bedeutungslosikeit bekämpft man am besten mit leidenschaftlicher Illusionskraft. Aber was kann ich darüber hinaus tun?

Ein ironisierendes Moment von Neubeschreibung soll der Vergleich von Vokabularen sein, die ursprünglich nichts miteinander zu tun haben. Erkenntnis 3: Ironie entsteht durch das Vergleichen von scheinbar Unvergleichlichem. Das könnte dann wie folgt aussehen:

Facebook ist weniger desillusionierenden, weil es nicht so stinkt Berlin in manchen Ecken. Vielleicht sollte man so etwas einführen: Bei jeder 10. Freundschaftsbestätigung stinkt dein PC wie ein Berliner Obdachlosenschlafplatz.

Aber was könnte Berlin oder sozialpsychiatrische Sozialarbeit von Facebook lernen? Sozialpsychiatrischer Arbeit fehlt der komplette Glamourfaktor. Bis auf Gutmenschentum, der ist peinliche abzudriften droht, gibt es nicht viel. Eventuell könnte ein Rückgriff auf die Menschenrechte eine kräftigere Illusion erzeugen. So wie man bei Facebook die desillusionierenden Momente suchen und zum Teil eher unterstellen muss, muss man bei Sozialarbeit illusionierende Momente suchen. Die wiederholte Betonung der Wichtigkeit dieser Arbeit würde helfen. Ebenso wäre eine facebookartige Vernetzung über verschiedene Ländergrenzen hilfreich.