The Hateful 8 – Der Narrative Souverän

„The hateful 8“ ist ein Western. Der wilde Westen lebt von seinen Mythen und Geschichten. So auch dieser Film: Storytelling wird in Form eines Briefes von Abraham Lincoln explizit behandelt. Der Brief ist Ausgangspunkt meiner folgenden Betrachtung, die behauptet, dass Souveränität durch Narration gewonnen wird. Wer die Geschichten beherrscht, die ihn betreffen, ist der machtvolle Souverän. Das erleben wir in „The Hateful Eight“.

Der Film spielt fast ausschließlich in einer kleinen Hütte im weiten, schneebedeckten Nirgendwo des Wilden Westens. 8 Menschen sind aufgrund eines Schneesturms in die Holzhütte gezwängt. Hinter den 8 Menschen weben die atemberaubendsten Geschichten, die diese karge Landschaft hervorzubringen vermag. Geschichten von Leben und Tod; Nord gegen Süd; Sklaverei, Mord und Gefangenschaft; Schwarz gegen Weiß; die Wut der Unterdrückten und die Willkür der Sieger über die Besiegten. Wir Zuschauer spüren den Druck, der in dieser Hütte wie in einem kochenden, alten Dampfkessel lastet. Es braut sich etwas zusammen, das sich wie ein gewaltiges Gewitter entladen wird.

Die Macht des Storytelling findet explizite Erwähnung, als Samuel L. Jackson gesteht, den Brief von Abraham Lincoln gefälscht zu haben. Er erklärt, dass Lügen wie diese notwendig sind, um zu überleben. Oder hätte Ruth (Kurt Russell) ihn sonst in der Kutsche mitgenommen und vor dem Schneesturm gerettet?

Bildschirmfoto vom 2016-02-03 21:29:29

Die Hütte ist eng. Als Schwarzer unter Weißen ist Warren in ständiger Lebensgefahr. Der weiße, alte Südstaatenrassist am Kamin stand ihm einst auf dem Schlachtfeld gegenüber. Die Feindschaft sitzt tief. Warren sieht sich gezwungen zu Handeln. Also erzählt er eine brutale, demütigende Geschichte, die den alten Mann demaßen provoziert, dass er in die Falle tappt. Er greift zur Waffe, die seinen Tod bedeutet. Der narrative Souverän hat zugeschlagen. Er tötete mit der Waffe, aber er mordete mit der Geschichte.

Die demütigende Geschichte wirkt über die kleine Hütte hinaus bis in den Keller. Hier hat sich Jody versteckt, um seine Schwester zu befreien. Doch die Vorstellung über eine Vergewaltigung eines Weißen durch einen Schwarzen verändert alles. Er wartet nicht mehr geduldig auf den richtigen Moment seine Schwester zu befreien. Er wartet darauf, dem Schwarzen die Eier wegzuschießen: „Sag Auf Wiedersehen zu deinen Eiern, schwarzer Mann.“

Jodys emotionale Reaktion ist die Ursache seines Verderbens. Der narrative Souverän siegt. Am Ende sterben zwar alle, aber eine geile Geschichte überlebt. Der Film hat keinen Helden außer die Story selbst.

 

Konkret: Wie nutzt du die Kraft der Narration? Was sagt der Film?

 

Empowerment! Kenne deinen Sozialen Status.

 

Samuel L. Jackson alias der einzige schwarze Warren nutzt in seinen Geschichten seinen Status als Schwarzer unter Weißen, um zu überleben.

 

Nutze das Ende einer Geschichte für den Anfang einer neuen Geschichte.

 

Warren gesteht die Lügengeschichte und strickt sogleich eine neue über seine Überlebensstrategie im Wilden Westen.

 

Spiele deine Rolle gut.

 

Die demütigende Geschichte von Warren ist so stark, dass die filmische Darstellung dies ausnahmsweise durch ein szenisches Verlassen der Hütte unterstreicht. Als Zuschauer sind wir sonst fast ausschließlich in der engen Hütte bei den starken Charakteren.

 

Übe rationale und wertfreie Analyse von Geschichten.

 

Als es drunter und drüber geht, analysiert Warren eiskalt die Lage. Der Meister des Geschichtenerzählens ist der Meister im Prüfen von Geschichten.

 

Achte die Details.

 

Die Bande ist in der Zahl überlegen, doch die Umsetzung der Befreiung ist dilettantisch. Das liegt vor allem an der schlecht vorbereiteten Story.

 

Übe dich im Theoretisieren. Geschichten sind wie ausgeschmückte Theorien.

 

Warren macht aus einem Anfangsverdacht eine Theorie, aus der Tatsachen werden: „Jetzt ist es schon mehr als eine Theorie. (…) Jetzt nenne ich dich einen Lügner!“

 

Enthusiasmus! Begeistere dich für Stories von Links wie Rechts; von Nord wie Süd.

 

Es ist kein Zufall, dass neben dem narrativen Genie Warren der Sheriff Mannix triumphiert. Der Sheriff Mannix begeistert sich sowohl für die Stories des Schwarzen aus den Nordstaaten, als auch für die Stories des Kriegsveteranen aus den Südstaaten.

 

Traue niemandem, der mit Zahlen argumentiert!

 

Um ihr Leben zu retten, nennt die gefangene Daisy mehrfach die Zahl 15 Männer, was wenig beeindruckt. Vielleicht ein kleiner Seitenhieb des Geschichtenerzählers und Westernfans Tarantino gegen unsere zahlenfixierte Zeit…

 

Achte auf die persönliche Note.

 

Der Schlusssatz im Brief über die geliebte Frau des Präsidenten Mary Ann Todd lässt die Westernhelden dahinschmelzen.