Das Spiel spielen oder vom Spiel gespielt werden – Dr. House und Phil Jackson

In der 4. Folge der 1. Staffel von Dr. House bricht eine Epidemie im Krankenhaus aus und es gibt einen zentralen Unterschied in der Reaktion der Krankenhausverantwortlichen auf diese Bedrohung: Die Verwaltungschefin Cuddy lässt in nahezu aktionistischer Panik bakterielle Abstriche machen. Auf den Toiletten, in den Zimmer, im gesamten Krankenhaus. Es fällt der Satz: Eine Nadel im Heuhaufen suchen. Im Unterschied dazu, arbeitet House mit seinem Team theoriegeleitet. Es werden Theorien aufgestellt, geprüft und verworfen. Das Scheitern von Hypothesen ist Teil des Prozesses, denn hieraus werden neue Erkenntnisse gewonnen, die zur Grundlage der nächsten Theorie werden.

Der berühmte Basketballtrainer Phil Jackson sagte mal, wenn Spieler sich zu sehr damit beschäftigen, ob sie Superstars sind, dann spielen sie nicht mehr das Spiel, sondern das Spiel spielt sie. Sie zählen ihre persönlichen Punkte, vergleichen Gehälter und verlieren den Blick für den Teamsport, den sie spielen. Die Situation im Krankenhaus erinnert mich daran. Während die Verwaltungschefin sich von dem Problem spielen lässt, spielt House mit dem Problem. Die Verwaltungschefin wird von der Situation dominiert und reagiert mit emsigem Aktionismus. House zieht sich mit seinem Team zurück. Zurückziehen bedeutet Abstand von der Situation nehmen und sich dem direkten Einfluss des Problems (, also auch der Panikmache der Kollegin) für einen selbstbestimmten Zeitraum entziehen. Auf diese Art und Weise wird der Chefdiagnostiker zum Taktgeber der Situation. Seine Arbeit gleicht dem verlässlichen Rhythmus von Telenovelas im Fernsehen. Denn die ewig gleiche Dramaturgie jeder einzelnen Folge der Serie ist ein Spiegel dieses beharrlichen Willens zur Herrschaft über den Takt. Nicht zufällig hat der Chefarzt ein Faible für eine (Krankenhaus-)Telenovela in der man sicherlich die Uhr nach dem dramaturgischen Höhepunkt ebenso stellen kann, wie bei der Serie Dr. House. Am Rande sei an dieser Stelle erwähnt, dass der mürrische Arzt auch Musiker ist.

Spieler des Spiels zu sein bedeutet also, das Tempo des Spiels zu bestimmen. Auch Coach Carter verlangt im entscheidenden Meisterschaftsspiel, dem Gegner das eigene Spiel auf zu zwingen. Ich wage an dieser Stelle einen kleinen Exkurs, denn ich behaupte, nicht nur in Krankenhäusern und auf Basketballfeldern ist es notwendig, Spieler seines Spiels zu sein. Denn jeder ist gefordert, Spieler des eigenen Lebens zu sein. Heutzutage hat jeder Einzelne so viele Möglichkeiten sein Leben zu gestalten, dass es zum Teil überfordert. Viele (und damit meine ich nicht nur Heranwachsende) versuchen diese schwierige Herausforderung zu lösen, indem sie sich standardisierten Lebensformen unterordnen, wenn sie nicht blind dem Lustprinzip folgen und zügellos konsumieren. Sie richten ihr Leben nach Diäten, schließen sich irgendwelchen Kults wie Veganismus, Hippie, Emo oder Outdoor an, sie werden Säufer, Workaholics oder Pillenschmeißer. Viele vergessen, dass diese Formen für sie da sind und nicht sie für die Formen. Sie bleiben nicht Spieler dieser Kults, sondern werden von ihnen gespielt. Die Werbung trägt ihren Teil dazu bei. Sie enden vermutlich so wie es Woody Allen in Whatever Works formuliert hat: „Sie kennen doch diese anständigen kirchentreuen jungen Männer, die vorbildlich sind, nett zu ihren Nachbarn und fromm und bibelfest, sich immer korrekt verhalten… Und eines schönen Tages, ohne erkennbaren Grund, greifen sie zu einem Gewehr, steigen auf ein Hausdach und metzeln die halbe Stadt nieder.“

Einen Unterschied zu den standardisierten Lebensformen stellt die Passion dar; die leidenschaftliche Hingabe an eine Idee, wie das Coachen (Phil Jackson, Coach Carter), die Diagnostik (Dr. House) oder die Liebe zur Familie und dem Ingenieurswesen wie Cooper im Film Interstellar. Der Unterschied wird durch die Zeit bedingt: Die Idee verpflichtet im Maßstab Zeit zu denken und sich den gegenwärtigen Herausforderungen zu stellen. Ob es nun Gegner, Krankheiten, technische Probleme oder familiäre Schwierigkeiten sind. Dr. House, Cooper und Coach Carter zeigen, wie  man durch die Vernarrtheit in eine Idee zum Meister im Spiel mit Zeit wird. Bei Cooper macht das gleich doppelt Sinn.