Dr. House – Illusionzerstörer in Zeit und Raum

Ich schaue gerade die 6. Staffel von Dr. House. Eigentlich wollte ich die Serie nicht mehr sehen, nachdem ich mich damals an den ersten beiden Staffeln satt gesehen hatte (2007). Doch obwohl ich die erste Folge der 6. Staffel absolut künstlich und kitschig empfand, habe ich weiter gesehen und jetzt zieht die Serie mich in ihren Bann.

Der alte Griesgram House ist ein Illusionszerstörer. Heuchelei und Doppelmoral deckt er brachial auf. Er zwingt seine Gegenüber das Hier und Jetzt anzuerkennen. Daher ist House ein Vertreter der Raum-Zeit-Philosophie. Illusionsblasen müssen vermieden werden oder erkannt und zum Platzen gebracht werden. In der Teamkommuniaktion fällt auf, dass sich die Ärzte stets zeitgleich über die Krankheit des Patienten und eigene, gegenwärtige Befindlichkeiten unterhalten. Der Einbezug des Gegenwärtigen scheint vor Illusionen zu schützen. Vorstellbar ist ein Dialog zwischen Assistenz und House wie folgt:

Assistenz: „Der Patient hat die Krankheit Lupus.“ House: „Das sagst du nur, weil du letzte Nacht von Wölfen geträumt hast.“

Ganz so platt ist es vielleicht nicht. Doch das Entscheidende soll damit gezeigt sein: Auf der Suche nach der passenden Diagnose beobachten sich die Ärzte beim Beobachten. (Cool, das hört sich systemtheoretisch an.) Gegenwärtige Stimmungen der Einzelnen oder des Teams werden nicht ausgeklammert, sondern sie werden genutzt, sodass vertiefter Sinn möglich wird. Auf der Suche nach der Lösung führen viele Wege nach Rom. Die Wege werden durch die Gegenwart, also die Zusammensetzung des Teams, die sozialen Beziehungen der Teammitglieder, die privaten Hintergründe der Ärzte, das Wetter, die sozialen Kontakte des Patienten und die Phantasien, die das auslöst, die Symptome des Patienten usw. mitbestimmt. All das wird transparent und nutzbar gemacht. Es ist kein Zufall, dass House die letztlich rettende Lösung am Ende jeder Folge meist in einem Gespräch entdeckt, das nichts mit dem konkreten Patienten zu tun hat. In diesen Momenten entdeckt er die Parallelen der Form zwischen dem Inhalt des gegenwärtigen Gesprächs und dem Verlauf der Krankheit des Patienten. Dies kann er nur, da er sich zuvor auf die Rhythmik der Krankheit und des Umfeldes eingelassen hat und sie mitgesteuert/manipuliert hat. Die Inhalte, also das ärztliche und allgemeine Wissen von House sind die Zutaten, doch viel wichtiger ist der an Zeit und Raum angepasste Umgang mit diesem Wissen. Eine solche Betrachtungsweise ermöglicht die Loslösung vom ärztlichen Wissen hin zu anderen Berufsfeldern in denen organisiert wird. Kein Zufall, dass eine Folge der 6. Staffel sich um die Verwaltungschefin Cuddy und ihre Arbeit dreht. Sie macht dasselbe, nur mit anderen Zutaten.