Eine Einladung zur Neubeschreibung – Robi Friedman Dezember 2018 in Berlin

Ein Vortrag im Rahmen der Gruppenanalytischen Gespräche am Berliner Institut für Gruppenanalyse (BIG).

Robi Friedman, der aus Israel stammende Gruppenanalytiker und Präsident der Gesellschaft für Gruppenanalyse (London), hielt im Dezember 2018 einen Vortrag am Berliner Institut für Gruppenanalyse. Er begann seinen Vortrag mit der Feststellung, dass der Mensch ein soziales Wesen ist und erzählte dann eine persönliche Geschichte: Als Kind ist er mit seiner jüdischen Familie aus Deutschland nach Uruguay geflohen. Als der Krieg vorbei war, wurde er eingeschult und kam auf eine deutsche Schule, die von Kindern geflohener Nazis besucht wurde. Diese Umstände machten ihn lange zum Außenseiter. Schließlich wurde er von einem Klassenkameraden nach Hause eingeladen. Dort hing ein großes Hitlerbild, was ihn zwar erschreckte, aber nicht von einer Freundschaft zu dem Jungen abhielt. Die Chance auf soziale Einbindung war zu attraktiv. Der Mensch ist nun mal ein soziales Wesen, so Friedman augenzwinkernd.

Friedman vermischt in seinem Vortrag (und in seinen Texten vgl. „Die Soldatenmatrix“ 2018) theoretische Annahmen mit seiner persönlichen Geschichte. Die tradierte Unterscheidung von Theorie und Erzählung wird damit aufgehoben und metaphysische Wahrheitsansprüche werden unterlaufen. Friedman markiert seinen Standpunkt klar als subjektiv. Der davon unterschiedene alles überblickende Thron der Macht der Metaphysik mit ihrer abschließenden Wahrheit und ihrem distanzierten Gipfelblick über die menschlichen Dinge – ein so tun als ob man selbst kein Mensch wäre – interessiert ihn nicht. Er hat kein Interesse an Macht, wenn es nicht die Macht über sich selbst und die Macht eines jeden Einzelnen über sich selbst ist. Er führt Beschreibungen seiner Erfahrungen mit Nazikindern in den Kontext seines Vortrags in Berlin (Ein Vortrag eines deutschstämmigen Juden in Berlin!) ein und gibt sich und seinen Zuhörern dadurch die Möglichkeit zur Neubeschreibung. Einfache Täter-Opfer-Polaritäten werden durch die Ambiguitäten der Erzählung unterlaufen; verhärtete Erzählfassungen, die kaum noch (be)rühren, geraten in Bewegung. Friedman nimmt sich und die Hörer mit in einen offenen Prozess. Sein Verhältnis zu sich selbst und zu den Hörern ist dabei nicht zu trennen. Er betritt mit ihnen einen Beziehungsraum, in dem er und die anderen gleichzeitig Subjekt und Objekt der Erfahrung werden (Vgl. ebd. S. 41). In der Oszillation von Subjekt und Objekt entfaltet sich die Möglichkeit der Neubeschreibung – sowohl für ihn als auch für die Zuhörer. Friedman stellt eine Beziehung zu den Zuhörern her, indem er sich zu sich selbst in Beziehung setzt. Er wird zum Subjekt, indem er zum Objekt wird. Er wird zum Leiter in der Gruppe (Vgl. ebd.). Er lädt andere ein, sich selbst neu zu beschreiben, indem er sich selbst neu beschreibt. Therapiert er sich selbst, indem er andere therapiert? Wohin führt die Oszillation von Subjekt und Objekt in diesem Beziehungsraum?