Freuds Psychoanalyse – das Selbst verspielt neubeschreiben

Ein wichtiges Motto von Neubeschreibung lautet: Frei werden. Frei werden von der Vorstellung von einer Instanz jenseits von Zeit und Raum. Autonom werden. Die Ambiguität und Relativität menschlicher Dinge akzeptieren.
Inwiefern trägt Freud zu Neubeschreibung bei?
Freiheit wird von der zeitlosen Instanz unterschieden. Die Bilder von zeitlosen Instanzen sind tief in unserer Kultur verwurzelt: Wir wollen den Kern unseres Selbst entdecken, unser wahres Ich; wir suchen nach der festen, unumstößlichen wissenschaftlichen Wahrheit und nicht zuletzt gibt es eine Vorstellung von Gott, der über allem schwebt. Dies sind nur einige „Bilder“ unseres „zeitlosen“ Anspruchs. Doch Freud ermöglicht sich insbesondere in Hinblick auf das Selbst davon zu emanzipieren. Durch ihn wird die Neubeschreibung des Selbst ironischer, spielerischer, freizügiger und erfinderischer. „Der Mensch ist nicht einmal Herr im eigenen Haus“ ist ein berühmtes Zitat Freuds und meint nicht eine zu zähmende triebhafte Seite in uns. Die Vorstellung von einem stummen, störrischen, torkelnden Tier in uns wird aufgegeben. Stattdessen wird das Unbewusste wie eine Person oder mehrere Personen verstanden, die unter der Oberfläche lauern, uns in Anspruch nehmen und dabei ihre jeweils eigenen Rationalitäten verfolgen. Freud bevölkert unseren Innenraum mit Quasipersonen, „(…), wonach eine Person nichts anderes ist als eine kohärente und plausible Menge von Überzeugungen und wünschen“ (Rorty, Richard: Solidarität und Objektivität. 2005. S. 44.). Die Psychoanalyse ermöglicht einen Weg mit diesen rationalen Quasipersonen ins Gespräch zu kommen (oder sie kommen untereinander ins Gespräch), dabei ihre närrischen Darstellungen der Situation anzuhören, einzusehen, warum sie diese verrückten Ansichten vertreten, und etwas von ihnen zu lernen. Das Ziel ist danach nicht mehr eine Selbstbeschreibung zu erschaffen, die um jeden Preis erhalten werden soll (Vergleiche Selbstratgeber und Lifestylekonzepte), sondern die Fähigkeit, noch nicht dagewesene Neubeschreibungen der eigenen Vergangenheit ausfindig zu machen.
Freud hat auf diesem Weg das Genie demokratisiert. Denn jeder hat ein rationales Unbewusstes, welches kennengelernt werden will.

In Anlehnung an Richard Rortys Text „Freud und die moralische Reflexion“. In: Solidarität und Objektivität. Reclam. 2005. S. 38-81.