Illsuionsfrucht Avocado

Unsere Welt krankt vermutlich am meisten an unseren Illusionen. Ein altes Beispiel ist Plastik. Seit den 70ern in den grellsten Farben produziert, schien es lange jede desillusionierende Hinterfragung zu überstrahlen. Es brauchte lange bis seine Schädlichkeit mühsam unsere Aufmerksamkeit eroberte.

Ein aktuelles Beispiel ist die Avocado, wie man in der ZEIT vom 13.10.16 nachlesen kann. Ich selbst esse gerne Avocado. Sie ist lecker und stand in meinen Augen bisher für bewusste Ernährung. Die Avocado ist durch ihren hohen Fettgehalt eine gute Alternative zu Fleisch. Saubere Sache, sozusagen.

In der ZEIT wird die Unbescholtenheit der Avocado mit  malerischen Worten unterstrichen:

„Die Avocado (…) gibt die leichtfüßige Schönheit. Sie ist sanft, ihr Geschmack ist unaufdringlic, sie ist nicht sauer, nicht scharf, nicht bitter, sondern ein bisschen nussig und ein bisschen süß. Man braucht nicht mal ein Messer, um sie zu verzehren: Sie ist so anschmiegsam, dass man sie einfach löffeln kann. Und obwohl sie cremig ist wie ein üppiger Pudding, macht sie nicht dick. Ernährungsphysiologisch ist sie unschuldig wie ein Salatblatt“ (Die Zeit, Nr. 43, 13.10.16).

Scharfsinnig vor allem die Bemerkung, dass man zum Verzehr der Avocado nicht mal ein Messer braucht. In ihrer Illusion wirkt die Avocado absolut ungefährlich. Doch dann kommt es dick.

„Ein Kilogramm Tomaten kommt im globalen Durchschnitt mit etwas 180 Litern Wasser aus, ein Kilogramm Salat mit etwa 130 Litern. Ein Kilogramm Avocados verbraucht 1000 Liter. Das heißt: 1000 Liter für zweieinhalb Avocados“ (ebd.). Und nicht nur das: Die Avocado frisst bei ihrem Transport unvorstellbar viel Energie, weil der Container auf seiner 26tägigen Überfahrt in unsere europäische Luxusgesellschaft konstant auf 6 Grad gekühlt sein muss.

Es wird wohl noch einige Zeit dauern, bis die Mehrheit der Konsumenten die Avocado aufgrund ihres hohen Energiebedarfs im Anbau meiden wird. Doch was kommt dann? Möhre oder Dattel? Wollen wir wirklich nachhaltig leben oder reicht uns die Illusion der Nachhaltigkeit. Leider ist mein Verdacht, dass uns die Illusion reicht. Sobald wir konkrete Einschnitte in unserem Verhalten spüren, wie zum Beispiel nur Saisongemüse zu essen, wird es anstrengend, mühsam, zeitaufwendig, unangenehm. Unser Leben in der Illusion ist viel zu schön und funktioniert. Zumindest für uns und den Moment.