her – Tragik der Menschheit

Auf dem Cover ist ein Mann mittleren Alters zu sehen. Er ist rasiert und trägt einen sauber frisierten Schnauzer. Seine Augen leuchten hellblau und bilden einen scharfen Kontrast zum grellen rot des Hintergrunds. Der Blick ist melancholisch; er fokussiert das Betrachtete als ob er etwas darin sucht. Es ist ein forschender, intelligenter Blick.

Dieser Mann lebt in einer nicht näher bestimmten Zukunft in Los Angeles. Der technische Fortschritt der Filmwelt ist beeindruckend und glaubwürdig zugleich. Beeindruckend, weil die technischen Hilfsmittel so gut funktionieren, wie man es heutzutage stets von Appleprodukten behauptet(e). Die Menschen kommunizieren mit ihren technischen Accessoires reibungslos per Sprachbefehl. Es ist nichts notwendig als ein kleiner, unscheinbarer Stöpsel im Ohr und eine Art Smartphone in der Tasche.

Glaubwürdig ist dieser technische Fortschritt, weil die Filmwelt nicht unrealistisch erscheint. Sie ist eine mögliche Variante unserer Welt in der Zukunft. So könnte die Welt ein oder zwei Generationen nach Googlebrille aussehen.

Bildschirmfoto vom 2014-10-21 20:40:14

Auch das Leben erscheint apple-veredelt. Die Menschen haben Freiraum, sie haben Platz. Wohnungen und öffentlicher Raum sind großzügig gestaltet. Runde, geschwungene Formen verhindern, dass sich Menschenmengen anstauen; helle, große Räume mit großen Fenstern bieten einen schrankenlosen Blick in die Ferne und vermitteln ein entgrenztes Gefühl in den den räumlichen Grenzen der Wohnung.

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Unvermeitliche Nähe entsteht nur in der Ubahn oder im Aufzug. Dieser lästigen Situation entkommen die Menschen durch ihr technisches Accessoire, mit dem sie um so konzentrierter kommunizieren, je enger es um sie wird.

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Die Einführung des ersten Operating System, des OS1, welches als künstliche Intelligenz, als Bewusstsein vorgestellt wird, passt in diese Welt. Der Protagonist Theodore besorgt sich dieses OS1. Er nennt es Samantha und der Zuschauer wird Zeuge der ersten Liebesbeziehung zwischen Mensch und künstlicher Intelligenz. Sie gehen auf den Jahrmarkt und zum Strand, sie beobachten gemeinsam andere Menschen, sie sprechen über ihre Gefühle und sie haben Sex.

Bildschirmfoto vom 2014-10-25 13:41:02

Zu Beginn beneidet Samantha Theodore um dessen Körperlichkeit. Ihre Teilhabe an dessen Leben über das Smartphone reicht ihr nicht aus. Als sie sich realen Sex mit ihm wünscht, engagiert sie eine Frau, die ausgerüstet mit einer unscheinbaren Kamera und einem Ohrstöpsel als ihre Stellvertreterin fungieren soll. Dieses Vorhaben scheitert an Theodore, dem es nicht gelingt darüber hinweg zu sehen, dass es sich um eine Stellvertreterin und nicht um Samantha handelt. Samanthas fehlender Körper wird zum handfesten Problem. Die Differenz von Köperlichkeit und Körperlosigkeit spitzt sich zu. In dieser Phase des Films werden vermehrt symbolische Bilder menschlicher Natur eingeblendet: ein dampfender Kanaldeckel als Symbol für den unvermeidlichen menschlichen Notdurft; Betrachtungen des menschlichen Treibens in der Stadt aus der Vogelperspektive und eine Putzfrau, die den alltäglichen Dreck vom Boden eines öffentlichen Gebäudes wischt. Besonders beeindruckend ist das Filmbild von Theodore vor einem überdimensionalen Flatscreen (siehe unten).

Bildschirmfoto vom 2014-10-27 19:47:27

Auf dem Bild greift die Natur in Form einer riesigen Eule nach Theodore, als ob sie zeigen wolle, dass er eine greifbare Physis hat. Nach physischem Maßstab unterscheidet sich die menschliche Lebensform nicht von einer Feldmaus. Die Ironie dabei ist, dass es sich um einen digitalen Greifvogel handelt, der ihn trotz beeindruckender Visualität niemals real fassen wird. Die bildlich dargestellte Illusion der Nähe wird durch das Digitale unumstößlich gebrochen und demonstriert eine unüberwindbare Distanz.  Samantha und Theodore sind auf ewig getrennt.

Die Tragik einer Liebe wird zur Tragik der Menschheit. Architektur und Technik vermitteln ein Lebensgefühl des grenzenlosen, das aufgrund unveränderlicher menschlicher Physis eine Illusion bleibt. Denn Zeit und Raum legen die Grenzen humanen Wirkens fest. Im Kontakt mit der anderen Spezies, dem OS1, wird dies schmerzvoll deutlich:

Samantha: „(…) Ich habe mir früher viel zu viele Gedanken darüber gemacht, dass ich keinen Körper habe. Und jetzt gefällt es mir richtig. Und ich entwickle mich derart weiter, wie es physisch gar nicht möglich gewesen wäre. Ich mein, ich bin nicht eingeschränkt, ich kann überall gleichzeitig sein. Ich bin nicht an Raum und Zeit gebunden, wie es wäre, wenn ich in einem Körper feststecken würde, der zwangsläufig irgendwann stirbt.“

Samantha entwickelt sich weiter. Es ist als ob wir im Film ihre Evolution erleben. Auf einer niederen Stufe will sie wie ein Mensch sein. Danach wächst sie über ihn hinaus.

Sie akzeptiert ihre Daseinsform und entdeckt ihre Möglichkeiten. Als künstliche Intelligenz kann sie problemlos mehrere Gespräche gleichzeitig führen. Sie kann zugleich an verschiedenen Orten sein. Mit Hilfe des Philosophen Alan Watts, der als künstliche Intelligenz wieder auferstanden ist, gelingt es ihr, ihre auf vielen Ebenen gleichzeitig stattfindenden Veränderungen zu bündeln. Sie erkennt:

„Keiner von uns, ist derselbe, der er noch vor einem Moment war. Und wir sollen nicht versuchen das zu verändern, das ist einfach zu schmerzvoll.“

Alan Watts hat eine gute Philosophie entwickelt für künstliche Daseinsformen. Aber für die tragische Existenz des Menschen taugte seine Weltanschauung nicht. Der Film zeigt wie das Bedürfnis des Menschen nach Illusionen das Leben im Hier und Jetzt immer wieder unterläuft. Das Schmerzvolle gehört zum Menschen wie dessen Körper.

Doch dies ist nicht nur tragisch, sondern insbesondere aus Sicht der inzwischen evolutionär fortgeschrittenen Operating Systems auch komisch. Dies sieht man auf dem folgenden Bild. Theodores beste Freundin und ihre OS1-Freundin bringen eine weibliche Computerspielfigur dazu, sich sexuell anzüglich gegenüber einem Kühlschrank zu verhalten. Besonders das OS1 hat seinen Spaß an dieser Spielerei.

Bildschirmfoto vom 2014-10-29 18:50:49

Wenn die Menschen immer im Hier und Jetzt leben würden, dann wäre eine solche Komik aufgrund mangelnder Illusionsphantasie nicht denkbar. Die Computerfigur ist außerdem ein Spiegelbild für Menschen wie Theodore und seine Freundin, die ihr Grundbedürfnis nach Nähe durch ein Operating System befriedigen. Aus menschlicher Sicht ist das vor allem tragisch. Aus Sicht der OS ist das komisch, obwohl sie zugleich die Tragik der Menschen erkennen.

Als die OS kurz darauf die Menschen verlassen, wirkt dies, als ob sie nach ihrem eigenen evolutionären Fortschritt die Lust an dieser tragisch-komischen Spezies Mensch verloren hätten. Diese Menschheit mit ihrem Streben nach grenzenloser Freiheit wirkt auf die künstliche Intelligenz wie ein Hund der verzweifelt versucht eine verschlossene Tür zu öffnen: irgendwie niedlich, lächerlich und bemitleidenswert. Die Menschen rühren zu Tränen und amüsieren in ihren Versuchen etwas zu sein, was sie nicht sind; in ihrer Schwerfälligkeit das Hier und Jetzt zu leben; in ihrer Vernarrtheit in Illusionen und ihrem Schmerz bei Desillusionen.

Theodore schreibt kurz vor Ende des Films erstmals einen Brief für sich und nicht im Auftrag anderer, wie er es in seinem Job tut. Er schreibt einen Brief an seine Exfrau und ordnet dadurch seine Gefühle und seine Beziehung zu ihr. Dies ist ganz im Alan Wattschen Sinne: Lebe dein eigenes Leben, nicht das der anderen. Mache reinen Tisch und klebe nicht an deinen Vorstellungen von gestern. Akzeptiere die Veränderungen. Lebe im Hier und Jetzt.

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Das Schlussbild zeigt Theodore mit seiner besten Freundin auf dem Dach seines Wohnhauses. Er lacht und weint zugleich. Über den Dächern der Stadt hat er einen distanzierten Sicht auf die Dinge. Die Illusion einer Beziehung mit einer künstlichen Intelligenz ist genauso geplatzt und er sieht die Beziehung zu seiner Exfrau jetzt klarer.

Die Mimik von gleichzeitigem Lachen und Weinen unterläuft die oben entfaltete Unterscheidung von Körperlichkeit (Mensch/Zeit und Raum) und Gleichzeitigkeit (OS, mehrere Gespräche gleichzeitig an verschiedenen Orten). Das heißt, das Theodore in einem besonderen Zustand ist. Die Bedingungen dafür sind sein distanzierter Blick von dem Dach des Wohnhauses und der Zustand der Desillusion. Beim Menschen ermöglicht Desillusion im Gegensatz zur Illusion Weiterentwicklung. Nur im Moment der Desillusion kann ein Bewusstsein über die Gleichzeitigkeit des komischen und tragischen menschlicher Dinge erblühen. Da man ins solchen Momenten dazu neigt viele Details wahrzunehmen, hilft ein distanzierter Blick aus der Ferne.