Toni Erdmann – ein Gastbeitrag von Mattes

Mattes, vielen Dank für deine Neubeschreibung von „Toni Erdmann“. Ein interessanter Beitrag zum Thema gesellschaftliche Rolle, was sie mit uns macht und wie wir sie für uns und andere nutzen können. Und nun zum Text:

Der hoch gelobte „Toni Erdmann“ ist, zunächst einmal, einer von wenigen wirklich lustigen deutschen Filmen. Toni Erdmann ist das mit falschem, hässlichem Gebiss versehene Alter Ego eines alternden, spitzbübischen Lehrers. Dieser versucht, den sehr losen, auf Höflichkeiten begrenzten Kontakt zu seiner Tochter Ines, einer erfolgreichen Karrierefrau im Unternehmensberatungs-Business, zu intensivieren, und besucht sie daher zu ihrem Geburtstag in Bukarest, wo sie zu der Zeit arbeitet.

Alsbald beginnt Ines, ihren Vater in ihr geschäftliches Rollenspiel einzubinden; er wird als Gast geduldet, muss aber den Business-Regeln gehorchen. Ines macht keinen Hehl daraus, dass die Arbeit Priorität hat. Ihren Vater behandelt sie mit geschäftsmäßiger, kühler Höflichkeit – offenbar nicht aus bösem Willen, sondern eher aus Gewohnheit.

Wir erfahren nichts über Ines´ Motivation zum beruflichen Erfolg – ob sie ihrem Vater gefallen oder sich von ihm abgrenzen möchte (oder beides, oder etwas ganz anderes).

Der Vater reist frustriert ab – zum Schein. Eigentlich nämlich bleibt er, ohne es Ines zu sagen, und wird, mit Hilfe einer Perücke und einem schrägen Karnevalsgebiss, Toni Erdmann. Als vorgeblich freiberuflicher Coach stellt er seiner Tochter nach und mischt sich in ihre Arbeitsumgebung, schäkert in ihrem Beisein mit Arbeitskolleginnen und spricht Kollegen auf die Kumpeltour an, dass es der Tochter nur so graust – mit anderen Worten: Er zwingt ihr nun sein Rollenspiel auf. Die misslungene Annäherung wird also nun ersetzt durch einen – perfiden, aber für die Zuschauer ungemein amüsanten – Machtkampf. Toni Erdmann wirkt dabei auf den ersten Blick wie der Held: Seine Maskerade erlaubt ihm, einer Narrenkappe gleich, als provokanter Störenfried eine Gesellschaft geleckter, mitunter asozialer Karrieristen vorzuführen. Was ihn als Figur reizvoll macht, ist sein Mut und die Macht der Anarchie: Er macht einfach, was er will – und was wir uns nie treuen würden.

Auf den zweiten Blick sieht es jedoch trauriger aus. Ines ist eine Gefangene ihrer Rolle, das ist nicht zu übersehen. Der Druck und das Fehlen authentischer menschlicher Kontakte machen sie zwar unglücklich, sie verdrängt dieses Unglück jedoch und hält den Wert der Karriere hoch.

Der Vater ist nun gekommen, um sie aus dieser Rolle zu befreien. Dass er dazu das Ausbrechen aus seiner normalen Identität wählt, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch er in seiner Rolle gefangen ist: Ganz Pädagoge, versucht er, jemanden – in diesem Fall seine erwachsene Tochter – zu erziehen, sie auf den „richtigen Weg“ zu lenken. Die Maske des Toni Erdmann funktioniert dabei nicht als „Ausbruchshelfer“, sondern eher als Katalysator für die eigene, angestammte Rolle: Unter der Tarnidentität kann sich der Erzieher erst so richtig austoben.

Auch der Vater verdrängt seinen Konflikt: Er ist einsam, seine Bezugspersonen laufen in auffälliger Häufung davon. (Frau geschieden, Tochter in Rumänien, der Klavierschüler kündigt Erdmann bereits am Anfang des Films, außerdem stirbt der Hund.) Er hat also niemanden mehr, den er erziehen kann – und auch sonst keine engen Kontakte. Toni Erdmann kann gleich beides: Die Tochter erziehen und sich Kontakte zu Menschen verschaffen. Das tut er denn auch – und hat dafür sogar einen moralischen „Vorwand“: Er macht sich Sorgen um die Tochter und will, dass sie glücklich ist. Zudem ist ihm die unmoralische Business-Welt zuwider und er streut spielerisch Zucker in den Tank. Mögliche zu Grunde liegende Motive – der Einsamkeit zu entgehen, zu erziehen, Macht auszuüben bzw. Kontrolle wiederzuerlangen – bleiben im Dunkel. Toni Erdmann ist in diesem Sinne ein machtvoller Verdränger: Er unterhält sein Publikum (uns) viel zu gut, als dass es auf düstere Hintergedanken und versteckte Motive kommen könnte, lässt aber (eben auch durch die Rolle) ebenso wenig echte menschliche Wärme zu wie die Tochter. Vielleicht ist dieses Nicht-Zulassen auch eine Karrikatur, eine Art passiv-aggressiver Protest gegen die Kühle der Tochter. Was wir ebenfalls ja nicht wissen: Was mag sich zwischen den beiden in Kindheit und Jugend von Ines abgespielt haben? Was blieb ihr, sich gegen einen so gewandten, ideenreichen, spitzbübischen, dreisten, provokanten, machtvollen Erzieher zu behaupten? Mit Toni Erdmann kehren möglicherweise (und höchst wahrscheinlich) auch Schatten aus Ines´ Vergangenheit zurück und ein schlummernder, schwelender oder vielleicht auch schon gewonnen geglaubter Konflikt um Abgrenzung und Eigenverantwortung kehrt zurück.

Als Toni Erdmann seine Bemühungen auf die Spitze treibt und die Tochter als „meine Assistentin, Miss Schnuck“ – wie früher? – zu seinem Klavierspiel ein Lied (Learning to love yourself/It is the greatest love of all“, Whitney Houston) singen lässt, spielt diese zwar mit, verlässt aber dann schnell, alleine und brüskiert die fremde Wohnung und lässt den Vater ratlos zurück.

Seine halbgare, nicht konkret ausformulierte Botschaft an sie (etwa: das Leben mehr zu genießen) tröpfelt trotzdem durch, je mehr sich Ines durch den ungebetenen externen Beobachter bewusst macht, mit was für Menschen und Vorgängen sie da beruflich eigentlich zu tun hat. Und so schafft sie es endlich, das doppelte Rollenspiel zu beenden – auf die denkbar gründlichste Art: Sie streift die engen Business-Kleider ab und macht sich nackt, als Kolleg_innen zum Empfang zu ihr kommen – und verlangt auch von ihnen Nacktheit. Damit übertrifft sie sogar den als „böse Geister austreibender Zottel“ verkleideten Vater, befreit sich somit nicht nur von ihrer Business-Rolle, sondern auch vom Machtspiel mit dem Vater und kann ihn nun endlich – als Mensch – umarmen, annehmen und lieben.

In der letzten Szene wird vielleicht deutlich, wie sehr der ausgefochtene Kampf die Luft aus dem, auch ideologisch überhöhten, Konflikt genommen hat: Der Vater gesteht eher kleinlaut zu, dass er die schönen Momente im Leben eigentlich immer erst viel später schätzen gelernt hat (und schickt sich gleich anschließend an, den nächsten schönen Moment zu zerstören, indem er eine Kamera holen gehen will), die Tochter steht nach wie vor zu ihrem beruflichen Ehrgeiz, scheint es aber lockerer anzugehen und kann dem Vater auf Augenhöhe begegnen.

Wahre Freiheit ist die Freiheit, zu tun, was die Eltern sagen“: Ines ist sogar ein Schrittchen weiter gegangen und steht damit am Ende als die „eigentliche Heldin“ da, zugleich macht aber die Lösung des Konflikts den Helden-Begriff eigentlich überflüssig.

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