Victoria – Wie funktioniert Improvisation?

Nachträglicher Vortext: Der Film Victoria zeigt, warum unbedingtes (diszipliniertes!) Festhalten an einem Ziel (oder einer Idee) sehr viel Verspieltheit und Improvisationsfähigkeit braucht. Dies wird oft übersehen, da Disziplin in unseren üblichen kulturellen Beschreibungsmustern nichts mit „Spielen“ zu tun hat. Dass diese Muster zu kurz greifen, erfährst Du in diesem Beitrag. Frei nach dem Motto: Verspieltheit durch diszpliniertes Festhalten an einer Idee!

Victoria ist ein ungewöhnlicher Film. Ich war skeptisch als ich ins Kino ging, doch ich war begeistert als ich raus kam. Als Zuschauer spürt man die Lebendigkeit, die in diesem Filmprojekt steckt. Wie erzeugt dieser Film diese Lebendigkeit? Wie gelingt es dem Regisseur Schipper das 1mal1 des Filmemachens hinter sich zu lassen und Neues zu erschaffen?

Folge meinen Gedanken und du wirst verstehen, wie neue Ideen und Perspektiven entwickelt werden. Egal ob du deine Persönlichkeit durch neue Facetten bereichern willst oder ob du neue Ideen für eines deiner Projekte suchst; durch die Kombination von Text und Film entstehen neue Antworten auf alte Fragen.

Der Regisseur Schipper entwickelt die One-Take-Idee, um Ritualen am Filmset und Schneideraum zu entkommen und etwas neues zu erschaffen. Er richtet jedes filmische Detail nach der One-Take-Idee aus. Ich gehe wie Schipper vor, indem ich meine Perspektive auf den Film nach der Improvisations-Idee ausrichte. Ich denke das Filmprojekt Victoria ist von der Vorstellung durchdrungen, dass man Improvisation erzwingen muss: Der Regisseur Schipper zwingt sich durch die neue Art der Filmorganisation und den Rahmen des One-Takes zu Improvisation. Die Hauptfigur Victoria liefert sich durch den Banküberfall einem Abenteuer aus, das zu Improvisation zwingt. Und der Schauspieler Frederick Lau zeigt, wie das Durchhalten einer Rolle Improvisation notwendig macht.

Victoria ist die Hauptfigur des Films, denn der Film ist nach ihr benannt; sie ist auf dem Titelbild (s.o. oben) zu sehen. Sie gerät zufällig in den Banküberfall, denn sie lernt ihre Komplizen erst kurz vorher kennen. Im Gegensatz zu den anderen der Clique könnte sie leicht einen Rückzieher machen: Sie muss keine kriminelle Schuld begleichen, wie Boxer und sie fühlt sich nicht freundschaftlich verpflichtet, wie die Kumpel von Boxer. Doch gerade diese rationale Schwäche des Motivs liefert die irrationale Stärke, die ein Sinnbild des lebendigen Lebens mit seinen Zufällen ist. Victoria ist aus Spanien einem vom Klavierspiel getakteten Leben entflohen und sie will ihre alten Routinen loswerden. Sie will das lebendige, echte Leben entdecken und sehen, was es aus ihr macht. Ihre Fremdheit in der pulsierenden Großstadt Berlin und ihre furiose Performance des Mephisto Walzers symbolisieren ihre Sehnsucht nach Entdeckung einer neuen Form (siehe Bild unten). Sie ergreift ihre Möglichkeit sich in einen unvorhersehbaren Prozess zu begeben: Je größer die Zufälligkeit der Ereignisse desto größer die Chance, sich neu zu beschreiben.

klavier

Der Filmkünstler Sebastian Schipper will auch alte Routinen loswerden, weil er das Filmemachen wie „immer den gleichen Baum hoch zu krabbeln“ empfindet. Seine One-Take-Idee provoziert Zufälle, da sie mit einem Drehbuch von mageren 12 Seiten für 140 Minuten Film nur eine grobe Struktur vorgibt, die Improvisation erzwingt. Schipper nennt es, sich einem „Wahnsinn ausliefern“:

„Wir wollten auf Tuchfühlung mit einer Katastrophe gehen, um vielleicht etwas zu erringen, was wir vorher noch nicht errungen haben.“ (Interview I ; Interview II)

Bildschirmfoto vom 2015-09-24 11:58:51

Statt die Energie in die üblichen Rituale am Set oder den Schneideraum zu stecken, wird auf einen entscheidenden Take hingearbeitet wie auf einen Bankraub. Die gesamte Filmcrew probt den Film, wie die Berliner Jungs den Bankraub (siehe Bild unten). Doch Proben verlaufen häufig anders als die realen Situationen, wie wir im Film ebenfalls sehen. Man muss mit Unvorhersehbarem rechnen und dann seiner Intuition vertrauen. Die Instinkte müssen geweckt sein ohne sich ihrem Fluss hinzugeben, um das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.

probe

Victoria sucht das Leben und sie wird mit dem Leben im wahrsten Sinne des Wortes belohnt, denn sie überlebt. Natürlich braucht es Glück, um diesen Banküberfall unbeschadet zu überstehen. Aber auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage nach der symbolischen Bedeutung ihres Überlebens, haben zwei Gründe eine besondere Bedeutung: Erstens ist sie fremd in Deutschland. Sie steckt zwar mitten in diesem Banküberfall, aber sie ist sozial und kulturell nicht so tief verstrickt wie die anderen. Diese Distanz ermöglicht ihr die zielführendere Einordnung von unvorhergesehenen Situationen. Zweitens ist ihr Motiv für den Bankraub der Bankraub selbst. Sie handelt nicht aus freundschaftlichem Pflichtgefühl oder krimineller Schuld wie Boxer und seine Freunde. Ihr Motiv ist rein. Es führt nicht über die Ecken gewohnter, kulturell etablierter Muster, die ihr den Zugang zu ihren Instinkten verstellen.

Diese Mischung aus instinktiver und zielführender Einordnung von unvorhergesehenen Situationen ist auch bei den Schauspielern gefragt. Um zu vermeiden, dass das Banküberfall-Gefühl beim Dreh verloren geht, fordert Schipper Fehler:

„Die Fehler waren Teil des Prinzips. Wir wollten die Fehler in dem Film haben. Deswegen haben wir nicht, wenn ein Fehler war abgebrochen. Ein Fehler wäre nur gewesen, wenn die Schauspieler aus den Figuren ausgestiegen wären. Sind sie aber nicht.“

Durch den Zwang auf Fehler reagieren zu müssen, werden die Instinkte der Schauspieler gefordert. Das Durchhalten der Rollen erfordert hingegen eine distanziertere Einordnung der jeweiligen Situationen. Frederick Lau beherrscht dieses Spiel zwischen Intuition und Rollendisziplin. Er improvisiert mit Freude, wirkt authentisch und spielt mit den Grenzen seiner Rolle ohne sie zu überschreiten.

Auch im Interview verkörpert Frederick Lau die Fähigkeit Fehler nicht zu scheuen, um Improvisation zu ermöglichen und die Situation interessanter zu gestalten. Im wahrscheinlich x-ten Interview zum Film wirkt er nicht gelangweilt und haut überraschende Sätze raus:

„Menschen, die gute Schauspieler sind und scheiß Menschen sind mir manchmal sogar angenehmer als gute Menschen, die scheiß Schauspieler sind.“

Bildschirmfoto vom 2015-09-24 12:11:52

Ein bemerkenswerter Satz, dessen Gehalt in der Betrachtung von Victoria, Schipper und Lau zu entdecken ist. Allen dreien gelingt es, etwas ungewohntes durchzuhalten und dadurch etwas neues zu entdecken. Was für Victoria der Bankraub ist, ist für Schipper die Idee One-Take und für Lau der gute Schauspieler.

Victoria begibt sich in den Fluss ungewohnter Ereignisse, die von ihr Entscheidungen verlangen aus denen Tatsachen werden. Unter dem Druck der Geschehnisse hat sie keine Zeit ihr Handeln mit ihren Idealen abzugleichen. Ihr Handeln wird pragmatischer. Es zählt nur der Bankraub und das Überleben. Sie wird erst hinterher sagen können, was das aus ihr gemacht hat.

Der Regisseur bleibt seiner Idee bis ins letzte Detail treu und ihm gelingt dadurch die Loslösung von alten Ritualen und die Erschaffung eines neuartigen Films. Das Festhalten an einer Idee ist nicht immer bequem. Es ist anstrengend und emotional aufreibend, weil alte Muster nicht greifen oder von der Idee wegführen. Wie Victoria kann Schipper erst hinterher sagen, was er dadurch erschaffen hat.

Doch das Risiko sich in einen Prozess mit offenem Ende zu begeben, lohnt sich, wie auf Bild zu sehen ist: Victoria kommt mit der Beute davon und der Filmkünstler wird mit Preisen gekrönt (siehe Bild unten).

Bildschirmfoto vom 2015-09-24 12:18:15

Interessanterweise hat Improvisation weniger mit Beliebigkeit und „den Dingen ihren freien Lauf lassen“ zu tun. Viel wichtiger ist das Durchhalten einer Idee, um nicht den alten Mustern zu verfallen. Dies gilt für Projekte und für Menschen: Wer ein Projekt perspektivisch weiter entwickeln will, der sollte seiner Idee zu dem Projekt folgen und schauen was daraus wird. Wer sich selbst neu entdecken will, der sollte seine Rolle durchhalten auch wenn es gerade unbequem ist. Vertraue auf die Rolle und du wirst danach sehen, was das aus dir gemacht hat.

Die Neubeschreibung des Films Victoria ist der Improvisationsidee mit Blick auf den Film gefolgt und nun kann man sehen, was daraus geworden ist: Es wurden Parallelen zwischen Filmdreh, Bankraub (Ereignis mit offenem Ende) und Rolle entdeckt, wodurch sich ein Filmdreh mit den Worten eines Bankraubs oder das Durchhalten einer Rolle mit Hilfe der Vorstellungswelt über einen Bankräuber beschreiben lässt. Die drei Begriffe bereichern sich gegenseitig und bieten den jeweils anderen einen erweiterten Bedeutungshorizont. Ich will die Möglichkeiten dieses Horizonts nicht einschränken, aber hier einige Beispiele zur Anregung: Der One-Take funktioniert wie ein Bankraub. Schipper ist der Bankräuber unter den Regisseuren. Eine Idee funktioniert wie eine Rolle. Eine Idee ist wie ein Ereignis mit offenem Ende. Ein Ereignis mit offenem Ende durchleben, ist wie eine Rolle durchhalten. Eine Rolle durchhalten, ist wie ein Ereignis mit offenem Ende durchleben; man muss auf die Intuition vertrauen, um auf Unplanbares zu reagieren und dabei die Rolle im Blick haben. (…)